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Humboldts Reise nach Russland

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Alexander von Humboldt, ein interdisziplinär denkender Wissenschaftler, ein Weltenentdecker und ein in vielen Genres versierter Schriftsteller. An das Universalgenie, den Reisenden und Abenteurer denken wir - und natürlich an die nach ihm benannte Humboldt Universität oder das neu gebaute Humboldt Forum in Berlin, das in diesem Jahr fertig gestellt werden soll. In der populärwissenschaftlichen Literatur ist der Name Humboldt eng verbunden mit dem Roman "Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann, der 2012 von Detlev Buck verfilmt wurde. Dieses Jahr nun feiern wir seinen 250. Geburtstag. Doch nur die Wenigsten wissen, was genau der gebürtige Berliner erforscht hat, und noch weniger, dass ihn auch viel mit Russland verband. Grund genug, sich dieses Kapitel seines Lebens ein wenig näher anzuschauen.

Heute kann man Humboldt als Kosmopoliten bezeichnen. Bereits zu seinen Lebzeiten (1769-1859) war er bekannt für seine umfangreichen Studien über die Natur und den Kosmos. Er forschte als Geologe, Vulkanologe, Botaniker, Zoologie, Klimatologe etc. Er publizierte aber auch zu Fragen der Wirtschaftsgeographie, der Ethnologie und der Demographie. Bekanntheit erlangte der jüngere Bruder von Wilhelm von Humboldt vor allem durch seine fünfjährige Forschungsreise nach Amerika (1799-1804). Für seine Entdeckungsreisen in die "Neue Welt" nannte man Humboldt auch den "zweiten Kolumbus" oder den "wissenschaftlichen Wiederentdecker Amerikas".
30 Jahre später, im Alter von 60 Jahren, reiste Humboldt 1829 auf Einladung der russischen Regierung nach Russland und Zentral-Asien. Zustande kam die Reise durch den damaligen russischen Finanzminister Cancrin, der Humboldt kontaktierte, um ihn um ein Gutachten in Währungsfragen zu bitten. Hieraus entstand ein reger Briefwechsel, in dessen Verlauf Cancrin Humboldt zu einer Forschungsreise nach Russland einlud.
Tsar Nikolaus I. finanzierte die achtmonatige Expedition. Im Gegenzug erwartete man von Humboldt Gutachten über das Vorkommen von Bodenschätzen und deren Abbau im Russischen Reich. Eine Bedingung der Reise war, dass Humboldt keine Hintergründe über die politische und soziale Situation im russischen Reich publizieren würde. Dies geht aus dem Briefwechsel mit Cancrin hervor. Humboldts Reise nach Russland und Zentral-Asien geschah im Spannungsverhältnis außenpolitischer Interessen und Handelsbeziehungen zwischen Preußen und Russland.

"Dass sich Humboldt auf diese Expedition einließ, als Sympathisant der Revolution, als Kritiker des Kolonialismus und der Sklaverei, ist aus heutiger Sicht problematisch", erklärt Oliver Lubrich, Professor für Neuere Deutsche Literatur und Komparatistik an der Universität in Bern, der gerade diesen Februar ein Buch zu Humboldts Russlandreise herausgeben wird. Dennoch willigte Humboldt mit diplomatischem Geschick in die Zensur ein. Aber es gelang ihm, sie zu umgehen. "Während seiner Expedition hat er zwei Kategorien von Briefen geschrieben", so Lubrich. "Zum einen sandte er Berichte an den russischen Finanzminister über seine Beobachtungen im Bergbau. Zugleich aber schrieb er privat an seinen Bruder Wilhelm und berichtete ihm von der russischen Überwachung, den politischen Restriktionen und prekären Zuständen im Tsarenreich". Diese Briefe zeigten, dass Humboldt neben der Inspektion des Bergbaus auch soziologische und politische Forschungsinteressen in Russland verfolgte ("Die Russland-Expedition. Von der Newa bis zum Altai", herausgegeben von Oliver Lubrich, erschienen 2019). Darüber hinaus beschäftige Humboldt sich mit den Auswirkungen des Bergbaus auf das Klima. Der Rohstoffabbau war nicht so produktiv, wie er hätte sein können. "Humboldt sah, dass der Rohstoffabbau in Russland Entwaldung und Schadstoffausstoß bedeutete", erklärt Lubrich weiter. "Er erkannte, dass eine autoritäre und ineffiziente Wirtschaft die Umwelt zerstörte. So gelangte er zur Idee eines menschengemachten Klimawandels." Humboldt war einer der ersten modernen Klimaforscher.

In seinen Tagebucheinträgen und Briefen zeigt Humboldt ein politisch unterdrücktes Russland nach dem Aufstand der Dekabristen im Jahr 1825. Er selbst war Zeuge, wie Dissidenten nach Sibirien deportiert wurden.
Als offiziellen Forschungsbericht im Anschluss an seine Reise veröffentlichte er sein Werk Zentral-Asien - Untersuchungen zu den Gebirgsketten und zur vergleichenden Klimatologie im Jahr 1843 (neu herausgegeben von Oliver Lubrich bei S. Fischer, Frankfurt am Main, 2009). Hier finden sich durchaus auch ethnografische Einzelbeobachtungen. Bemerkenswert daran sei, dass Humboldt eine eurozentrische Perspektive zu vermeiden versuchte, erläutert Prof. Lubrich. Dies gelang ihm unter anderem, indem er Zitate asiatischer Gelehrter in seine Berichte einbettete. Sein Reisewerk wird so zu einer Collage. Er ist kein Gelehrten-Monolog über die Kulturen Zentral-Asiens, sondern eine vielstimmige Darstellung. "Humboldt war ein Europäer, der sich zeitlebens mit außereuropäischen Kulturen auseinandersetzte. Seine Herangehensweise scheint mir für uns wegweisend zu sein - im Zeitalter der Globalisierung und der Migration", sagt Prof. Lubrich. "Bei der Lösung unserer aktuellen Probleme - seien es gesellschaftliche oder ökologische - können wir von Humboldt lernen: unsere Vorurteile in Frage zu stellen und über nationale ebenso wie über disziplinäre Grenzen hinauszudenken."

Von Anna Luisa Winkelmann

Zum Buch: Oliver Lubrich, Die Russland-Expedition- VON DER NEWA BIS ZUM ALTAI, Taschenbuch: 220 Seiten, Verlag: C.H.Beck; Auflage: 1 (25. Januar 2019), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3406733786

Mit seiner Russland-Reise im Jahr 1829 erfüllt sich für Alexander von Humboldt ein Jugendtraum. Nach dem Südamerika-Unternehmen dreißig Jahre zuvor ist es seine zweite große Expedition - die bislang jedoch weitaus weniger bekannt ist.
Auf Einladung des Zaren Nikolaus I. bereist Humboldt die Weiten des eurasischen Kontinents bis an die chinesische Grenze. Mehr als 18.000 Kilometer werden er und seine Begleiter am Ende zurückgelegt haben. Während Humboldt die Natur erforscht - Berge und Gesteine, Tiere und Pflanzen und vor allem das Klima -, durchmisst er zugleich ein Imperium, das sich in einer Phase der Repression befindet. Von politischen Zwängen kann auch er sich nicht freihalten. Aus den Reisebriefen Humboldts an den russischen Finanzminister, an den Bruder Wilhelm und den Freund François Arago sowie dem Bericht seines Begleiters Gustav Rose hat Oliver Lubrich eine mehrstimmige Erzählung von dieser Expedition zusammengestellt. Sie vermittelt ein lebhaftes Bild des schon damals international berühmten Gelehrten, aber auch des einfühlsamen Bruders und Freundes.