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«Zieh dir einen kurzen Rock an!» - Eine Rezension des Dokumentarfilms «Siberian Love» von Olga Delane

(c) Olga Delane (c) Olga Delane

Freiheit stellt für die meisten westeuropäischen Frauen ein unverzichtbares Gut dar. Die Freiheit, sich sowohl privat als auch beruflich zu verwirklichen. Wenige Frauen entscheiden sich heute dafür, früh eine Familie zu gründen, Vollzeitmutter zu sein und auf Karriere zu verzichten.
Doch wofür diese Freiheit, die vielen so wichtig zu sein scheint? Frauen suchen Erfüllung am Arbeitsplatz, mit dem sie sich identifizieren möchten und der für den persönlichen Erfolg steht. Gleichzeitig besteht aber ebenso der Wunsch nach Familie. Aus der Unfähigkeit, beides zu vereinen, fühlen sich viele unter Druck gesetzt.

Der Dokumentarfilm «Siberian Love» der russischstämmigen Regisseurin Olga Delane hinterfragt eben dieses westliche Konzept von Freiheit und zeigt eine andere Auffassung. Als Zuschauer mag man da die Versuchung spüren, all seine Freiheiten gegen ein schlichtes Leben in dem russischen Dorf auszutauschen. Der Film spielt in der kleinen Ortschaft Onon-Borzja im süd-östlichen Sibirien. Der Zuschauer nimmt Teil an den Lebensgeschichten, die alle eine frühe Eheschließung gemein haben. Ob aus Liebe oder arrangiert - kaum einer hinterfragt sie. Denn eine eigene Familie gehört hier zu einem erfüllten Leben: «Ohne Mann und Kinder bist du keine richtige Frau!», da sind sich die Bewohner einig.
Olga Delane reiste 2010 das erste Mal nach Onon-Borzja. «Ich fühlte mich als Russlanddeutsche stets als hätte ich keine eigene Kultur. Eine Freundin riet mir deshalb, zu meinen Wurzeln zurückzukehren, um mich dadurch auszudrücken.» So entstand auch ihr erster Dokumentarfilm «Krasnokamensk» aus dem Jahre 2013. Er dokumentiert, wie die größte Uranmiene Russlands das Leben der Stadtbewohner beeinflusst.
Bei ihren Recherchen für «Siberian Love» fand sie heraus, dass sie einen Onkel mit Namen Sascha in dem Dorf Onon-Borzja hat. Als sie ihn und seine Familie besuchte, stellte sie fest, dass eine Verwandtschaft zu der Hälfte der Dorfbewohner bestand. Als 37-jährige Frau noch immer unverheiratet zu sein, stieß bei ihren Verwandten auf Unverständnis. Als sie Delane kennenlernten, konnten sie nicht nachvollziehen, wie eine erwachsene Frau nur für sich selbst leben konnte. Delane, die die meiste Zeit ihres Lebens in Deutschland verbracht hatte, musste sich für etwas rechtfertigen, das sie als normal betrachtete.

«Zieh dir kürzere Röcke an, mach dich attraktiv für Männer! Der Charakter kommt danach.» In den sehr einfachen und direkten Aussagen der Dorfbewohner schwingt viel Humor mit. Im Kinosaal wird oft gelacht. Als Zuschauer fühlt man sich hin- und hergerissen zwischen den Extremen der «beiden Welten»: zwischen der eigenen europäischen und der russischen - und aus westlichen Augen konservativen - Welt. Als Olga Delane zum ersten Mal ihre Verwandten besuchte, fand sie sich in demselben Zwiespalt. «Durch den aufkommenden Konflikt fragte ich mich, wer Recht hat - sie oder ich?» Aus dieser Frage wuchs die Idee des Films. Seit 2013 war sie zum Filmen zwei- bis dreimal jährlich in Sibirien.
Die Regisseurin stellt mutig und manchmal geradezu hartnäckig immer wieder Fragen, fordert ihre Verwandten auf zu erzählen. Der Zuschauer wird, wie auch die Dorfbewohner, stets dazu aufgefordert, Richtig und Falsch abzuwägen, ihre gewohnten Konzepte zu hinterfragen. Und letzten Endes auch, ob diese beiden Pole überhaupt existieren.

Auf der einen Seite bestehen Delanes Onkel und Cousin darauf, dass der Kopf der Familie nun einmal der Mann ist und Galya klagt über ihren gewalttätigen Vater. «Emanzipation? Was heißt das?», entgegnet sie, als Delane danach fragt. Ein anderer Verwandter ist wieder einmal betrunken und prügelt sich mit einem Freund, während seine Kinder im Nachbarzimmer schreien.
Nicht weniger zeigt der Film aber auch die attraktiven Seiten dieses Lebens. Ljuba erzählt davon, wie sie sich damals in ihren Mann verliebte und dass sie glücklich gemeinsam sind. Selbst wenn einige über das Konzept «Liebe» scherzen, so sorgen sie in ihrer Beziehung doch für einander. Man sieht die Paare tanzen und zusammen lachen. Auch auf ein russisches Sprichwort spielt der Film an: «Der Mann, er ist der Kopf, nach ihm muss alles gehen. Die Frau, sie ist der Hals, sie weiß den Kopf zu drehen». Es ist nicht allein der Mann, nach dessen Willen gehandelt wird. So tut Sascha beispielsweise alles dafür, den Wunsch seiner Frau zu erfüllen, in die Stadt zu ziehen. Die Beziehung von Frau und Mann ist in den meisten Fällen ausgewogen. Der Frau stehen ebenso Verantwortung und Einflussnahme zu wie dem Mann.
Ljuba überlegt: «Freiheit? Was ist das schon? Wir haben hier doch alle Freiheit». Dieses Gefühl erfährt auch der Zuschauer, besonders durch die Bilder der weiten Landschaft. Grüne Hügel umgeben das Dorf und Kilometer langes Nichts. Die Dokumentation löst eine Sehnsucht aus. Nach ebendiesem Nichts. Nach der Routine des Alltags, der aus immer denselben Ereignissen besteht: Mehrmals täglich die Schweine füttern, sich um das angebaute Obst und Gemüse kümmern, gemeinsam essen.
Delane gelingt es, die Menschen unverfälscht in ihrer gewohnten Ordnung zu zeigen. Ihre Gespräche und die für den Zuschauer oft skurril wirkenden Situationen erscheinen authentisch. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, treten sehr offen auf.
«Dies war nicht gleich so. Dem Kameramann waren die Dorfbewohner anfangs sehr skeptisch gegenüber eingestellt. Von den Medien geprägt, hatten sie ein negatives Bild von Deutschen. 2010 begannen gerade die Spannungen zwischen Russland und Europa», erzählt Delane. Vor allem durch den Produzenten, Frank Müller, der auch russisch spricht, hätten die Dorfbewohner ihr Misstrauen aber bald abgelegt. «Außerdem wussten sie, dass ich mich direkt in das Dorf verliebt hatte. Und meiner Liebe konnten sie nicht ausweichen», erzählt sie lachend.
Und in der Tat. Delane stellt sehr intime Fragen, auf die ihre Verwandten auch oft keine Antwort wissen. Der Zuschauer gibt sich damit zufrieden, weil auch er selbst nicht immer eine Antwort darauf hätte.

Das Fazit darf am Ende jeder selbst ziehen - für Delane liegt der richtige Weg «zwischen den beiden Extremen». Deutlich wird in jedem Fall: Liebe und Freiheit sind keine universal definierten Werte, die Grundlage für jedermanns Glück sind.

Von Ines Henrich