Home | Kontakt | Login | Impressum

Mediathek

Street Art in Russland: Ein Bericht über die Ausstellung «Koordinatensystem»

Und plötzlich war da über Nacht ein Kunstwerk entstanden. Die rote Hauswand zeigte das Bild einer Ballerina. Ein Graffiti. Wie eine Wasserfontäne schien der abstrahierte hellblaue Oberkörper aus dem weißen realistisch abgebildeten Tüllrock zu sprühen. Als kurze Erfrischung von den oft eintönigen Häuserfassaden überraschte sie Moskaus Fußgänger, die hier um die Ecke kamen.
Fast so schnell, wie sie aufgetaucht war, verschwand sie jedoch auch wieder. Innerhalb kürzester Zeit war sie übermalt. Wie so häufig, war auch dieses Straßen-Kunstwerk vergänglich. Ein typisches Merkmal der heutigen Street Art ist ihre Kurzlebigkeit. Graffitis als eine ihrer ältesten und bekanntesten Formen werden teilweise nach nur wenigen Stunden wieder von den Wänden entfernt.
Wenn man bedenkt, welchen Wert die frühesten Arten der Wandmalerei heute haben, ist es eine erstaunliche Entwicklung, dass Wandgemälde des 21. Jahrhunderts hingegen als Vandalismus eingestuft werden. Der russische Künstler 0331C, zur Zeit in der Berliner Ausstellung «Koordinatensystem: Neue städtische Realität» zu sehen, beschäftigt sich mit genau dieser Thematik. Die Ausstellung, die noch bis zum 24. Mai 2017 im CLB Aufbau Haus zu sehen ist, zeigt neben anderen Positionen auch sein neues Projekt. Gemeinsam mit dem ebenfalls russischen Künstler Grisha erinnert er sich an die Ursprünge der Graffitis - die in der Steinzeit entstandenen Felsbilder, Petroglyphen: Die beiden Künstler hauen für Graffiti untypische Formen in Stein; teilweise direkt vor Ort, teilweise nachdem sie die Steine von ihrem Ort entwenden, wie zum Beispiel vom Roten Platz in Moskau.

Der Beginn der Straßenkunst in Russland geht vor allem auf die Sowjets der frühen 1920er Jahre zurück, die mit ihrer Kunst die Idee einer neuen Gesellschaftsform in den städtischen öffentlichen Raum bringen wollten. Wenig später waren es wiederum dieselben Künstler, die die kommunistische Ideologie propagierten. Erst nach dem Fall der Sowjetunion waren wieder unterschiedliche Kunstrichtungen zulässig, was den visuellen Ausdruck verschiedener politischen, sozialen und religiösen Meinungen begünstigte. Die oft radikalen, informellen Bewegungen brachten die unabhängige Kunst zurück in die Öffentlichkeit Russland. Zu dieser Zeit entwickelte sich aus der Hip-Hop-Kultur in Russland ebenso die Grafitti-Szene. Durch die Verbreitung von Internet und Fernsehen wuchs die russische Street Art rapide und erreichte eine große Beliebtheit.
In den frühen 2000ern begannen Künstler, sich von den immer trivialer werdenden Inhalten der Street Art zu entfernen und neue Formen zu schaffen. Damit möchten sie bis heute Missstände aufzeigen und sich für die Interessen derjenigen einsetzen, die von der Politik unbeachtet bleiben.
Häufig ist das Thema dessen die Stadt selbst. Als beständige Umgebung nehmen wir sie kaum mehr als künstliches Gebilde wahr. Wir funktionieren in ihr als Teil der Ordnung. «Aber was passiert, wenn man diese Ordnung bricht? Wenn jemand durch die Betonwand oder die falsche Vinyl-Fassade dringt, hinter der etwas jahrelang versteckt bleibt? Was passiert, wenn man sich in die Prozesse der Stadtplanung unbefugt einmischt?» Diese Fragen wirft die Ausstellung «Koordinatensystem» auf, in der acht verschiedene Künstler (-gruppen) vertreten sind, alle aus Russland. Durch ihre manchmal provokanten, manchmal lustigen oder gewitzten Kunstwerke regen sie die Stadtbewohner zum Nachdenken an.

Der Moskauer Künstler Kirill KTO beispielsweise bringt Stoffe an die enormen Werbetafeln an, die bereits ein Teil des Stadtbildes Moskaus geworden sind. Täglich werden wir, oft ohne es mehr zu merken, durch die allgegenwärtige Werbung in unserem Verhalten beeinflusst. Die zwei Löcher in Form von Augen, die Kirill KTO in den Stoff schneidet, fordern auf, hinter diesen Wahn zu schauen und über seine eigenen Handlungen zu reflektieren.
Genauso möchte die Tanzgruppe Isadorino Gore die Fußgänger Moskaus auf ihre Umgebung aufmerksam machen. «Uns war aufgefallen, dass viele Menschen in der Großstadt, in der sie leben, lediglich Geld verdienen, um es anschließend an anderen Orten auszugeben. Im Arbeitsalltag nehmen sie ihr Umfeld kaum wahr». Bewegungsabläufe seien so routiniert, dass sich fast niemand mehr Gedanken darüber mache. In einer Studie über die Dynamiken von Fußgängerströmen untersuchte Isadorino Gore das Verhalten der Menschen in diesen Strömen. Dafür ahmte die Gruppe von TänzerInnen typische Bewegungen in einem sich wiederholenden Rhythmus nach. Zwei Menschen, die sich über Minuten hinweg zuwinken. Oder aber sie bewegten sich genau entgegen dieser typischen Bewegungen, indem sie beispielsweise rückwärts durch die Metro liefen. «Wir stellten fest, dass viele Fußgänger doch Acht darauf geben, was um sie herum passiert. Vielleicht muss man sie nur darauf stoßen.» Isadorino Gore sehen sich nicht als Aktivisten in dem Sinne. Sie verfolgen mit ihrer Arbeit kein konkretes Ziel; mit ihrer Studie wollten sie lediglich die Kommunikation zwischen den Menschen und der Stadt erhöhen. Für einige Fußgänger jedoch sei diese Aktion missverständlich gewesen. «Seit den Pussy Riots und Pawlenski wird Performance-Kunst in Russland häufig in direktem Zusammenhang mit politischem Aktivismus gesehen. Viele Leute dachten, wir protestierten.»

Häufig werde Kunst in Russlands öffentlichem Raum zu einem Politikum, sind sich viele der anwesenden Künstler einig. Die Stimmung sei derzeit so angespannt, dass fast alles, was man macht, als potentieller Protest gesehen wird. Um diesem 'gefährlichen' kulturellen Gut entgegenzuwirken, schaffen staatliche Organisationen nun ihre eigene Straßen-'Kunst'. Die großformatigen Bilder auf Häuserfassaden dienen dem Staat mit ihrer symbolischen Aussagekraft als Propaganda.
Durch immer kommerzieller werdende Straßenkunst auf der einen und propagandistische Ziele auf der anderen Seite sei der «Straßenkunst-Markt», so die Aktivisten- und Künstlergruppe Partizaning «zu einem kompetitiven Feld geworden, in denen die Street-Art-Künstler endlich provozieren, kritisieren und protestieren» müssten.
Eben darüber diskutieren die Künstler, die aus Russland angereist sind, in dem Forum, das parallel zu der Ausstellung «Koordinatensystem» stattfindet. Gegenseitig stellen sie sich ihre Arbeiten vor und tauschen sich mit deutschen, osteuropäischen und russischen Aktivisten aus, um Strategien für die heutige Straßenkunst in Russland zu entwickeln.

Auch Besucher dürfen am Wochenende mitdiskutieren. Vom 20. bis 21. Mai laden Kunstschaffende die Öffentlichkeit zu Artist-Talks, Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Videoscreenings ein.

Von Ines Henrich