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RUSSLANDS WEITEN - DIE REPUBLIK BASCHKORTOSTAN 3

Wir starten eine neue Serie für euch: In unregelmäßigen Abständen stellen wir euch eine Region Russlands vor. Der größte Staat der Welt ist um einiges vielseitiger, als es Europäern oft bewusst ist. Russland besteht aus mehreren halbautonomen Regierungen, umschließt Millionenstädte und menschenleere Wildnis. Zwischen dem westlichsten Punkt Russlands Baltijsk in Kaliningrad und dem östlichsten Wiljutschinsk in der Kamtschatka liegen 7.468 Kilometer Luftlinie und zehn Zeitzonen. Auf der Fläche dazwischen leben unterschiedliche Völker mit verschiedenen Sprachen, Religionen und Kulturen. Um ein Bewusstsein für den Vielvölkerstaat Russland zu schaffen, porträtiert Kulturportal euch das jeweilige Land oder Volk mit interessanten Fakten, ausdrucksstarken Bildern und weiterführenden Links. Den Anfang macht Baschkortostan.


TEIL 3: Die Beziehungen zwischen Deutschland und Baschkortostan - und die der Baschkiren zum Essen

Manchmal haben Geschichten von Hoffnung und Erfolg einen traurigen Beginn. Wer in Deutschland schon einmal von Baschkortostan gehört hat, der erinnert sich wohl an den Flugzeugabsturz einer Tupolew der Bashkirian Airlines 2002 über Überlingen am Bodensee. Die Maschine kollidierte mit einem DHL-Frachtflugzeug und alle 71 Insassen kamen ums Leben, darunter viele Kinder, die in den Urlaub nach Spanien fliegen wollten. 15 Jahre nach der Katastrophe wurde das Geschehen mit Arnold Schwarzenegger verfilmt («Vendetta - Alles was ihm blieb war Rache», im Original «Aftermath»). Am Unglücksort sind Gedenksteine aufgestellt. Viel bedeutsamer als der Hollywood-Film ist aber die Gründung der Gruppe «Brücke nach Ufa». Aus den Begegnungen der trauernden Russen und helfenden Deutschen entstanden intensive Beziehungen. Bis heute unterstützt die Gruppe den Austausch und Dialog zwischen Deutschland und Russland.

Auch an anderen Orten in Deutschland gibt es Verbindungen zu Baschkortostan. Allen voran die deutsche Partnerstadt der baschkirischen Hauptstadt Ufa: Halle. Vor über 50 Jahren, also noch zu DDR-Zeiten, kam es zu einem ersten Vertrag zwischen Ufa und Halle. Es entstanden viele Partnerschaften zwischen Städten der UdSSR und der DDR, bei denen der sogenannte Studenten-Brigaden-Austausch erfolgte. Junge Menschen erledigten im jeweils anderen Land Bau- und Reparaturarbeiten. In Halle kann man heute noch bei genauerem Hinsehen einige Zeugnisse dieser Zeit sehen und vor allem ging aus dieser Zeit der Baschkirische Spielplatz hervor. Dieser hebt sich durch seine besondere Kombination aus Holz und Stein und den geschnitzten Figuren aus der baschkirischen Sagenwelt von anderen Spielplätzen ab.

Nach der Wende gab es sieben Jahre keinen Kontakt und auch keinen Austausch zwischen den Städten. 1997 wurde schließlich der Verein «Freunde Baschkortostans e.V.» gegründet, so feiert er dieses Jahr also 20-jähriges Jubiläum - ebenso wie die Städtepartnerschaft Ufa-Halle. In einer Festwoche im November vom 20. bis 26. werden verschiedenste Veranstaltungen auf dieses Jubiläum Bezug nehmen und Gäste sind herzlich willkommen. Die Mitglieder von «Freunde Baschkortostans e.V.» ermöglichen jedes Jahr jungen Menschen aus Deutschland und Baschkortostan den Austausch. Der Verein setzt sich auch sonst mit russischen Kulturabenden, Filmvorführungen und Foto-Ausstellungen für die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland ein. Die Patenschaft des baschkirischen Spielplatzes hat der Verein ebenfalls übernommen.

Hier findet ihr ein Interview mit dem Vorstandsmitglied von «Freunde Baschkortostans e.V.» Nils Winkhoff, der auch selbst am Austauschprojekt des Vereins teilgenommen hat.

Kulturportal Russland hat außerdem mit Rezeda Muchtarullina vom Freundesverein gesprochen. Die 28-Jährige lebt seit vier Jahren in Halle und promoviert gerade zum Thema «Wirtschaftssprache in deutschen und russischen Medien und deren Veränderung in den letzten 15 Jahren». Sie stammt ursprünglich aus der 156.000 Einwohner großen Stadt Salawat, etwa zwei Auto-Stunden südlich von Ufa liegend. Mit 16 war sie zum ersten Mal im Rahmen eines Ferienjobs in Deutschland. Dann studierte sie in Ufa Germanistik, bevor sie für ein Austauschsemester nach Halle kam und blieb.

Auf die Frage, was sie in Deutschland vermisse, fällt Rezeda schnell etwas ein: «Am meisten fehlt mir das Essen, die Küche allgemein. Vor allem Suppen, wie sie bei uns üblich sind und schmackhaftes Fleisch, Gemüse, Obst...». Das ist leicht nachvollziehbar, wenn man weiß, dass in Baschkortostan viele Menschen als Selbstversorger leben. Sie bauen sich ihr eigenes Obst und Gemüse an, legen es für den Winter ein und essen mindestens zweimal am Tag warm, während in Deutschland das «Abendbrot» oft wörtlich genommen wird.

Die jahrhundertealte halbnomadische Lebensweise beeinflusste die baschkirische Kochkultur. Vieles ist von langer Haltbarkeit, außerdem ist die baschkirische Küche sehr fleischlastig. Als Beispiel sei Bischbarmak genannt, was übersetzt «fünf Finger» bedeutet, da es mit den Fingern gegessen wurde. Die Speise besteht aus Fleisch, traditionell vom Lamm oder Pferd, mit Nudeln, Zwiebeln, Kräutern und Gewürzen.

Bei einer klassischen Süßspeise verarbeiten die Baschkiren eines ihrer berühmtesten Produkte: den Honig. Dieser wird über längliche frittierte Teigstücke gegossen; das Ergebnis ist klebrig-süß und wird Tschak-Tschak genannt. Die Beziehung zum Pferd spiegelt sich im Nationalgetränk wieder: Kumys. Das ist vergorene Stutenmilch, die säuerlich und leicht alkoholisch schmeckt. Der Alkoholgehalt liegt bei ungefähr 3%.

Kulturportal Russland: Was sind vom Essen abgesehen die größten Unterschiede zwischen Deutschland und Baschkortostan?

Rezeda: Die Mentalität unterscheidet sich schon sehr, vor allem was den Umgang mit Terminen und Pünktlichkeit angeht. In Deutschland wird darauf sehr geachtet, in Baschkortostan ist das lockerer. Dafür sind die Menschen in Behörden oder Geschäften hier in Deutschland freundlicher und die Hierarchie ist nicht so auffällig. In Baschkortostan wäre es zum Beispiel auch sehr ungewöhnlich, wenn ein Geschäftsführer mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren würde. Der Status ist von größerer Bedeutung. Wie allgemein in Russland üblich heiraten die jungen Leute bereits mit Anfang 20 und bekommen auch eher Kinder. Die Verwandtschaft hat mehr Einfluss auf das Leben der Familie. In Deutschland hat man mehr Freiheiten, aber die Bindungen kommen mir auch nicht so stark vor. Ich denke, beides hat seine Vor- und Nachteile. Außerdem fehlt mir hier die Natur. Ich mag Halle sehr gerne, aber diese Weite der unberührten Natur in Baschkortostan kann nichts ersetzen.

Kulturportal Russland: Du hast deine Abschlüsse in beiden Ländern mit Auszeichnung bestanden und promovierst jetzt. Was war für dich persönlich am Anfang schwierig oder fällt dir vielleicht sogar bis heute auf?

Rezeda: Mir ist die Umgewöhnung an die deutsche Arbeitsweise mit individuellerem, nicht so vorgegebenem Plan sehr schwergefallen. In Russland hast du mit deinem Jahrgang zusammen immer die gleichen Kurse, in Deutschland musst du dich um alles selbst kümmern. Jetzt bin ich aber schon so lange hier, dass ich mich daran gewöhnt habe und mir die Unterschiede zwischen den Ländern nicht mehr so sehr auffallen.

Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2 unseres Baschkortostan-Berichts.

Linksammlung und weiterführendes Material:

-Einen Ausschnitt aus der Arte Dokumentation «Russlands Pferde» könnt ihr hier sehen. Der Film verdeutlicht die Liebe der Baschkiren zu ihren Pferden.
-Hier wird das Leben in einem kleinen Dorf in Baschkortostan gezeigt. In Irgisly wohnen knapp 1.000 Menschen - traditionell und beschaulich.
-Das baschkirische Volksepos Ural-Batir findet ihr auf Englisch übersetzt hier. Es wurde über Generationen nur mündlich übertragen und erst 1910 verschriftlicht. Das Epos enthält Elemente, die an die biblische Geschichte von Kain und Abel erinnern und an das Nibelungenlied. Einen kleinen Trickfilm in russischer Sprache gibt es hier.
-Auf dieser Seite findet ihr baschkirische (und tatarische) Gedichte mit russischer Übersetzung.
-Berichte ehemaliger Austausch-Teilnehmer aus Halle über Kultur, Natur u.v.m. kann man auf der Online-Zeitung der Freunde Baschkortostans e.V. lesen: Baschkirien heute.


Unser Dank geht an den Verein «Freunde Baschkortostans e.V.», der mit seiner hilfsbereiten Auskunft und Materialbereitstellung die Basis für diesen Beitrag geschaffen hat - insbesondere Rezeda Muchtarullina und Nils Winkhoff. Außerdem herzlichen Dank an Gulnaz Makieva, eine baschkirische Fotografin, die mit ihren wunderschönen Fotografien der traditionellen Bekleidung und Vermählung der Baschkiren den Artikel sehr bereichert hat (siehe Bildergalerie).
Ein Beitrag von Viktoria Gonschorek

Fotogalerie:

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