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RUSSLANDS WEITEN - DIE REPUBLIK BASCHKORTOSTAN 1

Wir starten eine neue Serie für euch: In unregelmäßigen Abständen stellen wir euch eine Region Russlands vor. Der größte Staat der Welt ist um einiges vielseitiger, als es Europäern oft bewusst ist. Russland besteht aus mehreren halbautonomen Regierungen, umschließt Millionenstädte und menschenleere Wildnis. Zwischen dem westlichsten Punkt Russlands Baltijsk in Kaliningrad und dem östlichsten Wiljutschinsk in der Kamtschatka liegen 7.468 Kilometer Luftlinie und zehn Zeitzonen. Auf der Fläche dazwischen leben unterschiedliche Völker mit verschiedenen Sprachen, Religionen und Kulturen. Um ein Bewusstsein für den Vielvölkerstaat Russland zu schaffen, porträtiert Kulturportal euch das jeweilige Land oder Volk mit interessanten Fakten, ausdrucksstarken Bildern und weiterführenden Links. Den Anfang macht Baschkortostan.

TEIL 1: Zahlen, Geschichte, Grundlegendes

Endlose Birkenwälder, Pferdeherden, teurer und seltener Waldhonig, Flüsse und heilige Berge, ein über 1.000 Jahre altes Volk mit Heldensagen und Legenden, Moscheen neben Kirchen und Synagogen, kyrillische Buchstaben und zwei Amtssprachen, eine Millionenstadt im Zentrum des Landes - das und mehr ist Baschkortostan.

Die Republik Baschkortostan - oder auch Baschkirien genannt - ist mit einer Fläche von 143.600 Quadratkilometern etwa so groß wie Bangladesch und zweimal so groß wie Bayern. Die Bevölkerungszahl von etwas über vier Millionen kann dagegen nur mit Rheinland-Pfalz mithalten. Baschkortostan wird im Osten vom Ural begrenzt, südlich liegt Kasachstan. Im Westen davon befindet sich die Stadt Kazan und nördlich Perm. Russen, Baschkiren und Tataren bilden die größten Gruppen von über 100 Nationalitäten in Baschkortostan, etwa 25% der Gesamtbevölkerung sind Baschkiren. Derzeitiger Präsident ist Rustem Chamitow, nachdem Murtasa Rachimow in Folge von Korruptionsvorwürfen 2010 die Regierung abgeben musste, die er seit dem Zerfall der Sowjetunion innehatte. Baschkortostan gehört zu den wirtschaftlich stärksten Regionen Russlands. Die Erdölverarbeitung ist der mit Abstand führende Wirtschaftssektor. Auch sonst ist das Land reich an Bodenschätzen und belegt die ersten Plätze im Umsatz von Milch und Fleisch in Russland.

Es gelten zwei Sprachen als Amtssprachen: das Russische und Baschkirisch. Letzteres gehört zu den Turksprachen, funktioniert also nach dem gleichen Prinzip wie Kasachisch, Usbekisch, Tatarisch und auch Türkisch. Damit wurden in Baschkortostan die alten Traditionen bewahrt, sowohl die Religion und Kultur als auch die Sprache werden weiter ausgeübt. Nur die arabische Schrift wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zu Gunsten der lateinischen aufgegeben, bis unter Stalin alle Völker der UdSSR zu kyrillischen Buchstaben verpflichtet wurden. An den Schulen wird Baschkirisch unterrichtet, doch zeigt sich hier ein ähnliches Phänomen wie in Deutschland vergleichsweise mit dem Plattdeutschen im Norden. Die ungleich größere und national gesehen bedeutendere Sprache dominiert und verdrängt die Minderheitensprache. Russische und tatarische Eltern sehen keine Notwendigkeit, warum ihre Kinder Baschkirisch lernen sollten. Zumindest gibt es noch einen baschkirischen Radio- und Fernsehsender sowie baschkirischsprachige Zeitungen.

Die religiöse Mehrheit bilden sunnitische Muslime, welche jedoch in friedlicher Tradition mit Juden, Lutheranern und Orthodoxen zusammenleben. Die Menschen sind tolerant und nicht strenggläubig, dies hat allein schon die atheistische Doktrin während der UdSSR-Zeit bewirkt. In Baschkortostan werden sowohl christliche als auch muslimische Feiertage begangen, sowohl zur orthodoxen Weihnacht am 07. Januar wie auch beim muslimischen Opfer- und Zuckerfest haben die Bürger frei.

In Ufa, dem Zentrum eines multireligiösen Landes, finden sich beeindruckende Gotteshäuser. Dazu zählt ohne Zweifel die 1998 eröffnete Moschee Ljalja Tjulpan, die in Form einer aufblühenden Tulpe gebaut wurde. Sie ist das islamische Zentrum Baschkortostans und der Großmufti der russischen Muslime hält in ihr das Freitagsgebet. Christliches Zentrum ist die Mariä-Geburt-Kathedrale. Sie wurde bereits 1909 fertiggestellt, diente während der Sowjetzeit aber auch als Krankenhaus, Flugzeugwerkstatt und Kino. Seit 1991 dient die Kathedrale wieder als Gotteshaus. Für die etwa 8.000 Juden wurde 2008 ein Gemeinschaftszentrum geschaffen, die Synagoge hat die Form eines Davidsterns.

Geschichtlich erstmals erwähnt wurde der Volksstamm der Baschkiren in einem Reisebericht aus dem 10. Jahrhundert. Ab 1220 gehörten sie nach der Unterwerfung durch Dschingis Khan für etwa 300 Jahre zu den Mongolen. In der Mitte des 16. Jahrhunderts schlossen sich die baschkirischen Stämme dann dem militärisch starken Russland an, um sich vor Angreifern zu schützen. Auf Anweisung Iwan des IV. wurde 1574 am Fluss Belaya die Stadt Ufa gegründet. Russland gewährte den Baschkiren überwiegend Autonomie, wofür sich die Baschkiren mit Unterstützung bei Kriegen revanchierten. Im 17. Jahrhundert begannen sich russische Fürsten im Bereich Baschkortostans niederzulassen. Da sie versuchten, die Baschkiren für ihre Zwecke zu benutzen und zum christlichen Glauben zu missionieren, wuchs der Unmut in der Bevölkerung. Die Repressionsmaßnahmen Russlands 1772 gegen die Ural-Kosaken führten zu heftigen Unruhen, die im Bauernaufstand 1773-1775 mündeten. An der Regierung Russlands änderte sich danach jedoch kaum etwas. Bei anschließenden Gebietsreformen mussten die Baschkiren große Gebietsverluste hinnehmen, sodass sie Anfang des 20. Jahrhunderts nur noch 20 % ihres ursprünglichen Territoriums besaßen.

Ende 1917 erklärte sich Baschkortostan für unabhängig und wurde 1919 zu einer Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik. In den 20er Jahren war die Hälfte der Bevölkerung an den Folgen des I. Weltkrieges und der Revolution, bei der die Baschkiren abwechselnd auf Weißer und Roter Seite kämpften, gestorben. Nach und bereits während des II. Weltkrieges verlagerte die Sowjetunion dann ihre Industrieproduktion vom westlichen in den östlicheren Teil Russlands, was einerseits Baschkortostans wirtschaftlichen Aufschwung bedeutete, aber andererseits auch erhebliche Umweltzerstörungen mit sich brachte. 1990 erklärte sich Baschkortostan erneut für unabhängig und handelte mit Russland seine weitgehende Selbstverwaltung aus. Seit 1991 ist Ufa offizielle Hauptstadt der Republik Baschkortostan, Universitätsstadt und von zentraler Bedeutung für die russische Erdölindustrie.

In der östlichsten Hauptstadt Europas leben 1,2 Millionen Menschen, also ein Viertel aller Einwohner Baschkortostans. Der Rest lebt in einigen anderen größeren Städten wie Sterlitamak, Salawat, Neftekamsk und Oktjabrski oder auf dem Dorf. Die meisten davon sind gemischt, es gibt aber auch Dörfer, in denen nur Baschkiren oder nur Russen leben und es existieren sogar zwei, drei deutsche Dörfer. Als eins von drei großen Siedlungszentren der Deutschen in Russland galt das Wolgagebiet. Von da wanderten die Menschen Ende des 19. Jahrhunderts in baschkirische Regionen ab, weil hier viel fruchtbares Land zur Verfügung stand.

1910 wurde in Ufa eine Lutherkirche gebaut, in der der Gottesdienste auf Deutsch, Estnisch und Lettisch gehalten wurden. Nach zwanzig Jahren wurde die Kirche allerdings an eine Reparaturwerkstatt übergeben und dienst erst seit 2000 wieder als Gemeinderaum. Bei den Erneuerungsarbeiten halfen auch Pastoren aus Deutschland. Die deutsche Sprache geht jedoch mittlerweile verloren in Baschkortostan, die lutherische Gemeinde umfasst auch nur noch 45 Leute, die nicht mal alle deutsche Vorfahren haben.

Die wenigen Russlanddeutschen, die des Deutschen noch mächtig sind, haben die Sprache auf ihrer isolierten Sprachinsel ohne neue deutsche Wörter usw. auf dem Stand von vor 200 Jahren gehalten. Das Russische hat jedoch Einfluss genommen, sodass man deutsche Wörter mit russischen Endungen hören kann.

Hier gehört es zu Teil 2 und Teil 3 unseres Baschkortostan-Berichts.

Linksammlung und weiterführendes Material:

-Einen Ausschnitt aus der Arte Dokumentation «Russlands Pferde» könnt ihr hier sehen. Der Film verdeutlicht die Liebe der Baschkiren zu ihren Pferden.
-Hier wird das Leben in einem kleinen Dorf in Baschkortostan gezeigt. In Irgisly wohnen knapp 1.000 Menschen - traditionell und beschaulich.
-Das baschkirische Volksepos Ural-Batir findet ihr auf Englisch übersetzt hier. Es wurde über Generationen nur mündlich übertragen und erst 1910 verschriftlicht. Das Epos enthält Elemente, die an die biblische Geschichte von Kain und Abel erinnern und an das Nibelungenlied. Einen kleinen Trickfilm in russischer Sprache gibt es hier.
-Auf dieser Seite findet ihr baschkirische (und tatarische) Gedichte mit russischer Übersetzung.
-Berichte ehemaliger Austausch-Teilnehmer aus Halle über Kultur, Natur u.v.m. kann man auf der Online-Zeitung der Freunde Baschkortostans e.V. lesen: Baschkirien heute.


Unser Dank geht an den Verein «Freunde Baschkortostans e.V.», der mit seiner hilfsbereiten Auskunft und Materialbereitstellung die Basis für diesen Beitrag geschaffen hat - insbesondere Rezeda Muchtarullina und Nils Winkhoff. Außerdem herzlichen Dank an Gulnaz Makieva, eine baschkirische Fotografin, die mit ihren wunderschönen Fotografien der traditionellen Bekleidung und Vermählung der Baschkiren den Artikel sehr bereichert hat (siehe Bildergalerie).
Ein Beitrag von Viktoria Gonschorek

Fotogalerie:

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