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Marina Zwetajewa - eine der größten Dichterinnen Russlands.

Zum 125. Geburtstag von Marina Zwetajewa

Eine russische Dichterin sei sie nie gewesen, diesen Gedanken finde sie lächerlich, so schrieb sie einst in einem Brief an Pasternak, sie wäre vielmehr die Bürgerin eines Buchstabenlandes. 1892 geboren hatte sie ein bewegtes und oft schweres Leben. Trotz all ihrer alltäglichen Nöte und Sorgen schrieb sie dennoch fast immer. Dadurch hat sie der Nachwelt bei ihrem Selbstmord mit 49 Jahren ein Werk von vielen hundert Gedichten, Poemen, Briefen und Notizen hinterlassen, dazu Prosaarbeiten, Versdramen und Übersetzungen.

Marina Zwetajewa kommt am 08. Oktober 1892 in Moskau zur Welt. Sie ist die Tochter einer deutsch-polnischen Pianistin und eines Professors. Ihr Vater leitete bis zu seinem Tod das von ihm gegründete Museum für Schöne Künste, das spätere Puschkin-Museum. Durch seine Arbeit war er oft abwesend, sodass Marina sehr von ihrer Mutter geprägt wurde. Diese hoffte in Marina ihre eigenen Träume einer großen Pianistin zu verwirklichen und hatte hohe Ansprüche an ihre Tochter. Nach dem frühen Tuberkulose-Tod der Mutter beendete Marina das Klavierspielen und widmete sich ihrem eigenen künstlerischen Metier. Schon sehr früh hatte sie Gedichte verfasst und dies auch in mehreren Sprachen. Wegen der Erkrankung der Mutter befand sich die Familie oft zu Kuraufenthalten im Ausland. Marina und ihre Schwester Anastasia gingen deshalb in der französischsprachigen Schweiz und in Deutschland zur Schule, sodass sie sowohl Französisch als auch Deutsch beherrschten. Zu Deutschland empfand Marina seitdem eine besondere Zuneigung. Sie verteidigte das Land sogar in den deutschlandfeindlichen Zeiten des I. Weltkriegs in Russland, da es für sie das Land großer Kultur und Schriftsteller mit märchenhafter Natur blieb.

Das Schreiben war für Marina Zwetajewa eine Notwendigkeit, sie begann mit Poesie und widmete sich erst vermehrt der Prosa, als sie merkte, dass sie damit im Exil mehr Geld verdienen konnte. In ihren Notizen kann man lesen: «Sie sind das Werkzeug dessen, worüber Sie schreiben. Nicht Sie schreiben es, es (selbst) schreibt sich durch Sie». Marina schreibt unkonventionell, revolutionär anders, sie schreibt von Gefühlen, Heimat, Liebe und Abschied. Umso schlimmer die Situation um sie herum wurde, desto mehr lebte Marina später von und in ihrer Fantasie und Vergangenheit. Aktuelle politische Ereignisse waren kaum Teil ihres Lebens, wenn sie sich daraus fernhalten ließen; sogar als ihr eigener Mann für den Geheimdienst arbeitete und in einen Mord verwickelt war, schien sie davon nichts mitbekommen zu haben. Allerdings war die Realität Marinas oft so hart, dass sie sich nicht ignorieren ließ.

Ihre wenigen glücklichen Jahre verbrachte Marina vor dem Ausbruch des I. Weltkriegs und der Revolution. Marina wird berühmt und für ihre Werke geschätzt. Mit 19 heiratet sie den ein Jahr jüngeren Sergeij Efron und bekommt ein Jahr später die Tochter Ariadna, genannt Alja (1912-1975). Ihrem Mann bleibt sie zeitlebens verbunden, obwohl sie viele andere Verhältnisse hatte und die Ehe viele Jahre später als «größte Katastrophe» ihres Lebens bezeichnete. Zu ihren engen Freunden, Vorbildern, Liebhabern und Bewunderern, was nicht immer klar zu trennen ist, gehörten viele bekannte Namen. Darunter Boris Pasternak, mit dem sie eine jahrelange Briefbeziehung verband, die lesbische Dichterin Sofia Parnok, mit der Marina ihre größte und zugleich schmerzhafteste Liebesbeziehung hatte, Ossip Mandelstam, mit dem die gemeinsam verbrachte Zeit in Moskau zu einer der schönsten Phasen ihres Lebens wurde, Konstantin Rosdewitsch, von deren gemeinsamer Affäre sogar Marinas Mann erfuhr und Rainer Maria Rilke, dem Marina Briefe von solcher Intensität schrieb, dass sich Rilke erschrocken zurückzog. Obwohl sich Rilke und Marina Zwetajewa niemals getroffen haben, investierte Marina wie in allen ihren Beziehungen ihre gesamte Leidenschaft und war deshalb sehr erschüttert, als Rilke kurz nach Beginn ihrer Beziehung 1926 an Leukämie starb. Oft lebten verstorbene Freunde in ihren Gedichten weiter, so auch Rilke, dem sie nach seinem Tod einen Brief schrieb.

Marinas Mann Sergeij litt immer wieder an langen Phasen psychischer und physischer Schwäche. Im Exil musste Marina die Familie zeitweise allein versorgen, weil Sergeij an Tuberkulose erkrankt war. Vorher erleidet sie jedoch noch einen schweren Verlust: den Tod ihrer 1917 geborenen Tochter Irina. Während Sergeij an der Front auf Seiten der Weißen kämpft, versucht Marina, das Leben in Moskau für sich und ihre Töchter zu sichern. Weil es kaum noch Nahrung gibt, bringt Marina Irina 1920 in ein Kinderheim, wo sie sie versorgt glaubt. Dort verhungert das Mädchen jedoch kurze Zeit später. Marina ist verzweifelt und deutet ihr Schicksal als Strafe Gottes.

Zu ihrem Mann Sergeij hat Marina in dieser Zeit fünf Jahre lang keinen Kontakt, bis sie 1922 erfährt, dass er in Prag lebt. Sie verlässt mit Alja Moskau und lebt kurze Zeit in Berlin Wilmersdorf, bevor sie zu Sergeij nach Prag ziehen kann. Dieser hat hier ein Studium aufgenommen, kann die Familie also nicht ernähren. Sie leben in ärmlichen Verhältnissen von den kleinen Einkünften, die Marina mit ihren Werken erzielt und einem Künstlerstipendium, das Prag zahlt. Weil Lesungen Marinas in Paris vielversprechender verlaufen, zieht die Familie 1925 nach Paris um. Im selben Jahr kommt auch Sohn Georgi zur Welt (1925-1944). Der Junge wird Mur gerufen und von Marina verehrt und verzogen. Ihre Liebe erwidert der Sohn nie, er ist ein schwieriges Kind. Am Anfang läuft es für die Familie in Paris, wo sich viele Russen im Exil befinden, noch relativ gut. Später aber wenden sich ihre Bewunderer und Gönner zunehmend von ihr ab. Ihr Schreibstil ist zu revolutionär, ihr Mann zu sehr mit dem neuen Regime in Russland verstrickt. Marina ist isoliert. Schießich folgt sie 1939 mit Sohn Mur ihrem Mann und Tochter Alja in die Sowjetunion nach.

Hätte sie gewusst, was sie dort erwartet, wäre sie wohl nicht gegangen. Unter Stalin galten alle, die im Ausland gelebt hatten, als verdächtig und besonders, wer aus dem ehemaligen Bildungsbürgertum stammte. Dann bricht der II. Weltkrieg aus und Marina wird mit Mur nach Jelabuga in die Tatarische Volksrepublik evakuiert. Verzweifelt versucht sie mit kleinen Arbeiten Geld zu verdienen und bemüht sich noch um eine Verlegung an einen anderen Ort, weil der Sohn es in Jelabuga nicht aushält. Schließlich erhängt sie sich am 31. August 1941. Ihr bereits früher verhafteter Mann wird im Oktober desselben Jahres wegen Spionage erschossen und erst 15 Jahre später rehabilitiert. Marinas ebenfalls schon vorher verhaftete Tochter und Schwester verbringen viele Jahre in Gefangenschaft und Verbannung. Ihr Sohn Mur fällt wenige Jahre später an der Front.

Vom außergewöhnlichen Leben und Schreiben Marina Zwetajewas kann man sich nun ein genaueres Bild machen. Im Sommer 2017 erschien im Suhrkamp-Verlag das Buch:Marina Zwetajewa. Unsre Zeit ist die Kürze - Unveröffentlichte Schreibhefte. Herausgegeben und aus dem Russischen und Französischen übersetzt wurde es von Felix Phillip Ingold. Durch die Notizen, Gedicht- und Briefentwürfe und Berichte von ihren Tagen und Träumen gewährt die Sammlung einen besonderen Einblick in den Alltag und das Werk der Dichterin.

Text: Viktoria Gonschorek