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Interview: Trio "Scho"

(c) Musikkollektiv (c) Musikkollektiv

Das Wort "Scho" kommt aus der ukrainischen Umgangssprache und bedeutet soviel, wie "Was soll sein?". Die Antwort des Trios lautet: Musik!
Bestehend aus drei Mitgliedern - Gennadij Desatnik (Gesang, Violine, Gitarre), Valeriy Khoryshman (Akkordeon, Gesang), Alexander Franz (Kontrabass, Gesang), begeistert die russisch - ukrainische Band ihr Publikum mit Sowjetischen Schlagern von den 20-er Jahren bis zur Moderne, selbstgeschriebenen Songs in russischer, deutscher, englischer, französischer und jiddischer Sprache und Retro-Musik, wie sie selbst ihren Stil bezeichnen.
Unten erzählen die drei Blutsmusiker über ihre abenteuerliche Übersiedlung nach Deutschland und wir sie hier Fuß fassten:

Das Trio "Scho" wurde 1992 in der ukrainischen Stadt Poltawa gegründet. Wie kam es dazu?

Gennadij: Nach dem Dienst in der Armee, haben Valera und ich beide an Kunstschulen unterrichtet. In unserer Freizeit haben wir uns getroffen, um Musik zu machen - einfach so, zum Spaß. Kurz darauf eröffnete in Poltawa nach dem Zerfall der UdSSR das erste private Restaurant, das Musiker suchte. Wir nahmen die Einladung gerne an. Das war der Beginn von "Scho".

Wie seid ihr dann nach Deutschland gelangt?

Gennadij: Die Übersiedlung nach Deutschland war ein langer und sehr schwieriger Prozess, der mit einer Freundschaft in der Ukraine und einer Reise nach Bulgarien begann.
Nachdem der "eiserne Vorhang" gefallen war, wollten wir mal die Grenzen der Ukraine verlassen und uns den "Westen" anschauen. Es ging für uns nach Bulgarien. Dort haben wir auf den Straßen gespielt, leider so erfolglos, dass wir das sowjetische Gut, das wir bei uns hatten - Spielzeig, Klamotten etc., verkauften mussten, um an etwas Geld zu kommen. Das klappte gut, bis wir festgestellt haben, dass der 50 Dollar Schein, den wir von einem Käufer erhalten haben, in Wahrheit ein 5 Dollar Schein mit einer hinten per Hand gemalten Null war (lacht).
Aber die Reise diente uns als Motivation, den Westen weiterhin zu erkunden. Als dann von einem Bekannten eine Einladung nach Berlin folgte, dachte ich mir: "Warum nicht?" und ergriff die Chance, zunächst ohne meine Kollegen. Sie kamen 1994 nach.

Valeriy: Ja, 1994 ging es in der Ukraine mit den Visen los, doch es war sehr schwierig, eins für Deutschland zu erhalten. Es verbreiteten sich viele Scheinfirmen, die angeblich Visen ausgestellt haben, dabei haben sie einfach die Pässe und Geld eingesammelt und sind danach verschwunden. Wir haben unser Glück dennoch versucht. Als Ergebnis hatten wir ein Stück Papier mit 27 Namen darauf - es war ein Sammelvisum. Damit schafften wir es zwar nach Deutschland, aber wir konnten nicht zurück - zum einen, erlaubte uns das Visum bloß mit allen darauf stehende Personen ein- und auszureisen und zum anderen, wurde selbst dieses Stück Papier bei einer Kontrolle in Deutschland zerrissen. Der Beamte sagte uns, es sei kein richtiges Visum.

War es schwierig, in Deutschland Fuß zu fassen?

Valeriy: Es gab viele Startschwierigkeiten. Zunächst war da die Frage, wohin? Gennadij war zu der Zeit in New York. Wir hatten überhaupt keinen Plan, das Einzige, was wir hatten, war ein Kontakt - ein deutscher Musiker, den wir bei einem Austauschprogramm kennengelernt haben. Also haben wir ein Taxi angehalten und dem Fahrer einfach die Adresse gezeigt - Deutsch konnten wir nämlich nicht. Die Adresse entpuppte sich als geschlossenes Restaurant. Also beschlossen wir nach Berlin zu gehen. Die erste Zeit war sehr hart - wir schließen im Ostbahnhof (damals Hauptbahnhof), manchmal auch in der S-Bahn und verdienten uns Geld mit dem Spielen auf dem Alexanderplatz. Dennoch denke ich gerne an diese Zeit zurück, wir haben viele interessante Menschen kennengelernt und diese Erfahrung ist unbezahlbar.
Das war der erste Besuch in Deutschland. Danach folgten viele weitere, jedoch mit einem richtigen Arbeitsvisum und irgendwann blieben wir ganz hier.

Wann habt ihr gemerkt, dass der Erfolg da ist?

Gennadij: Erfolg? Welcher Erfolg? (lacht) Ich denke, das ist ein subjektiver Begriff. Erfolg im Sinne von weltweitem Bekanntheitsgrad oder riesengroßen Konzertsälen, den werden wir nicht haben, aber das war auch noch nie unser Ziel.

Valeriy: Für uns besteht unser Erfolg darin, dass wir das tun können, was wir lieben und dass wir davon leben und unsere Kinder ernähren können. Außerdem ist uns die Freiheit dabei sehr wichtig. Wir wollen selbst entscheiden, was wir spielen, wann und wo. In unserer gesamten Musiklaufbahn haben wir uns nie von einem Arbeitsvertrag binden lassen, obwohl wir Angebote hatten.

Gennadij: Das zahlreiche positive Feedback unserer Zuhörer bedeutet für mich auch, dass unser Werk geschätzt wird, dass wir in dem, was wir machen, gut sind. Wenn nach einem Auftritt Menschen aus dem Publikum zu uns kommen und uns sagen, wie toll sie unser Konzert fanden und dass wir eine ansteckende Energie verbreiten, das motiviert uns natürlich.

Welcher eurer Auftritte bleibt euch am Meisten in Erinnerung?

Gennadij: Davon gibt es zu viele, dass man alle erwähnen könnte. Aber als Beispiel kann ich die Berliner Philharmonie nennen - da haben wir mehrmals vor über 1000 Menschen gespielt, das war eine tolle Erfahrung.

Valeriy: Paris hat sich bei uns auch eingeprägt, da haben wir mitten in der Stadt vor einer äußerst skurrilen Szene gespielt.
Wir hatten auch einige Fernsehauftritte, z.B. in der deutschen Krimiserie "Im Angesichts des Verbrechens" oder auch in der Sendung "Talk 2000" von Christoph Schlingensief und in einigen anderen.

Wo kann man euch live erleben und eure Musik kaufen?

Gennadij: Unser Stammlokal ist das Café Voland in Berlin. Aber wir haben natürlich auch viele weitere Auftritte, in Deutschland und außerhalb. Alle Informationen zu unseren anstehenden Veranstaltungen findet man auf www.musikkollektiv.de. Die CDs kann man nach unseren Auftritten direkt bei uns erwerben. Im Musikgeschäft "Dussmann das KulturKaufhaus" in Friedrichstrasse 90 hat man für unsere Sachen eine separate Ecke eingeräumt, darauf sind wir ein wenig stolz.

Ein selbstgeschriebener Song des Trios: "Latte Macchiato auf dem Dach".

Interview durchgeführt von Rimma Gumanik