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"Unter all den Gesetzen des Hammurapis heißen die wichtigsten Elfmeter und Ecke"

(c) Pixabay (c) Pixabay

Grölende Fans, Bockwurst und Bier: Zugegeben, Fußball scheint auf den ersten Blick wenig Literarisches an sich zu haben. Zitate wie Sepp Herbergers "Das Runde muss ins Eckige", die nicht gerade wegen ihrer Sprachfinesse in die Geschichte eingingen, tragen ihr übrigens dazu bei.
Doch wie man weiß, ist der erste Blick oft trügerisch. Richtet sich der zweite dann auch noch ostwärts, in Richtung der WM-Spielorte, dann öffnen sich einem neue lyrische Welten.

So wird man zum Beispiel das Gedicht "Zweiter Fußball" (Vtoroy Futbol) von Osip Mandelstam entdecken. Der berühmte Dichter jüdischer Herkunft macht während seiner Zeit in Sankt Petersburg 1913, im Alter von 22 Jahren, aber nicht etwa Fußballer der Weltklasse zu seinen Hauptcharakteren. Nein, ihm geht es um ein Spiel, bei dem Jungen - vielleicht mögen sie sieben Jahre alt sein, vielleicht elf - im Mittelpunkt stehen. Um Jungen, die den ganzen Tag beim Spiel verbringen: "ein bisschen ungeschickt und linkisch, wie es in ihren Jahren noch üblich ist, schießt einer den Ball, während der andere das Tor verteidigt (Čut'-čut' nelovki, meskovaty - Kak podobaet v ich leta,- Kto mjač tolkaet uglovatyj, kto ochranjaet vorota...)

Der Autor der "Lolita" - Vladimir Nabokov - derweil wählt 1920 einen einzigen jungen Mann zum Protagonisten seines siebenstrophigen Werks mit dem englischen Titel "Football". Dieser beschreibt, wie er gerade das Tor verteidigt: "Der Ball rollt wie ein krummer Blitz zwischen den Beinen hin und her, mit einem geräuschvollen Schuss - schwingt er sich auf, und da springe ich auf, und mit Wucht unterbreche ich seinen ungestümen Flug" (to mečetsja v nogach, kak molnija krivaja, to vystrela zvučnej-vzvivaetsja, i vot podprygivaju ja, s razmachu preryvaja ego stremitel'nyj polet) . Da trifft ein Pärchen am Spielfeldrand ein.

Als die junge Frau diese Aktion betrachtet, fragt sie ihren Begleiter, ob er den Spieler kenne. Dieser urteilt: "Er ist, scheint mir, in einem jener wilden Länder geboren, wo Blut auf Schnee tropft" (Kazhetsja, ja rodom iz dikoj toj strany, gde kaplet krov' na sneg). Daraufhin verlässt das Pärchen wieder den Ort des Spielgeschehens, nicht wissend, dass "dort einer der sorglosen Spieler in der Stille, in der Nacht und ohne Hast, Harmonien für andere Zeitalter schafft" (vot odin iz tech bespečnych igpokov v molčan'e, po nočam, tvorit netoroplivyj, cozvuč'ja dlja inych bekov). Nun merkt der aufmerksame Leser vielleicht auf: Kreative Werke, die die Zeiten überdauern? Geboren in einem "wilden Land, wo Blut auf Schnee tropft"? Schreibt Nabokov hier etwa über sich selbst? Ja, dies tut er in der Tat: So spielte der berühmte Schriftsteller in seinen Jahren an der Universität Cambridge auch selbst Fußball im Team des Trinity Colleges. Und wie die eigentliche Hauptfigur seines Gedichts hatte auch er die Position des Torwarts.

Auch Joseph Brodsky thematisiert in seinem Gedicht "Platonische Entwicklung" die Sportart, deren Weltmeister am 15. Juli 2018 feststehen wird. Ganz wie Platon um 380 vor Christus in seiner "Politeia" den idealen Staat entwirft, so entwirft 1976 der Literaturnobelpreisträger Brodsky das Idealbild einer Stadt. Und was darf in einer solchen nicht fehlen? Fußball natürlich! Und so schreibt auch Brodsky selbst: "In dieser Stadt [..] sollte es einen Fußballclub geben" (V ėtom gorode byl by [..] futbolnyj klub).Weiter geht er noch näher auf sein mögliches Tun in diesem ein:
"Ich würde meine Stimme einfließen lassen in das gemeinsame, tierische Geheul - dort, wo der Fuß das fortsetzt, was der Kopf begann" (Ja by vpletal svoj golos v obsčij zverinyj voj
tam, gde noga prodolzhaet načatoe golovoj.) Auch die Gesetze des Hammurapi erwähnt Brodsky und unterstreicht dabei gleich die allerwichtigsten: Elfmeter und Ecke (Izo vsech zakonov, izdannych Chammurapi, samye glavnye - penal'ti i ugolovoj).

Text von Lea Seitz