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Ivette Löcker: Anja und Serjoscha

(c) Katrin Springer (c) Katrin Springer

Ein Lachanfall ist die erste Reaktion, die man bekommt, fragt man Anja und Serjoscha nach ihrer Beziehung. Dann folgen die Kommentare: "Einfach kompletter Wahnsinn. Gegenseitige humanitäre Hilfe". Diese ist auch nötig, denn: "Mit 15 dachten wir, wir würden sterben, bevor wir 18 werden. Wir haben weniger Angst zu sterben als weiterzuleben; der Gedanke an die Zukunft macht uns Angst."

Anja und Serjoscha sind zwei Freunde, 18 und 19 Jahre alt, die gemeinsam in der postsowjetischen Industrie- und Hafenstadt Mariupol leben. Regisseurin Ivette Löcker hat die ungewöhnliche Beziehung nun mit Unterstützung der ukrainischen Journalistin Inga Pylypchuk für die 3Sat-Reihe "Ab 18!" porträtiert.

"Uns war gleich klar, dass sich die Ukraine gerade in einem spannenden Prozess befindet, aber wir wollten auch etwas Neues erzählen, etwas Besonderes, jenseits des Krieges. Und das war etwas über das Freundschaftspaar Anja und Serjoscha", erklärt die Regisseurin die Themenfindung. Seit dem letzten Besuch habe sich in Mariupol viel entwickelt: Sehr viele Politiker, Unternehmen und Aktivisten seien in die Stadt gekommen, Kulturzentren hätten eröffnet. Anja und Serjoscha könnten als Aktivisten, die mit politischen Aktionen für die Gleichstellung der Geschlechter kämpfen, stellvertretend für diese Entwicklung stehen.

Im Vorfeld einer solchen sieht man die beiden in einem Second-Hand-Laden. Sie schlüpft in Männerkleider, er in Frauengewänder. Sie lachen miteinander übereinander. Doch es handelt sich mitnichten nur um einen Spaß.

Während einem Ausflug ans Meer weihen sie den festen Freund Anjas, Dima, ein: Sie werden eine Performance organisieren. Die Idee dabei ist, dass Anja in Männerkleidung steckt, Serjoscha in denen von Frauen und sie ihn schminkt, während er sie mit Rasierschaum einschmiert "Am Ende soll ein großes Geschmiere entstehen", sagt Anja lachend. Mit dieser Aktion wollen sie gegen festgefahrene Rollenklischees protestieren und dafür sensibilisieren, diese wahrzunehmen.

Gesagt, getan: Schon am nächsten Tag treffen sich die beiden sowie Dima am zentralen Treffpunkt Mariupols: dem Platz vor dem Theater. Während das Freundschaftspaar seine Performance startet, besteht seine Rolle darin, die vorurteilsbehaftete Gesellschaft zu spiegeln: Immer wieder umrundet er Serjoscha und Anja mit Phrasen auf den Lippen wie "Pfui, was machst du?", "Du bist eine Frau, dein Platz ist am Herd" oder "Du musst Kinder gebären". Auch Sätze wie "Du bist der Mann, du musst die Familie ernähren" bekommen die Besucher der Mariupoler Innenstadt, von denen bereits einige zum Zuschauen vor dem Theater stehengeblieben sind, zu hören.

Anja und Serjoscha sind auch Teil einer Jugend, die mit mangelnden Zukunftsperspektiven zu kämpfen hat. Das zeigt sich zum Beispiel in der Frage: "Kannst du dir vorstellen, mit mir von hier wegzuziehen?", die Anja ihrem Freund stellt.

In beiden steckt aber auch die Fähigkeit, trotzdem einfach einmal zu lachen, am Strand herumzublödeln oder auch Verwandte zu trösten:

So etwa als Anja ihre Eltern besucht: Ihre Mutter reflektiert im Gespräch über die Situation in Mariupol: "Es gibt keinen Platz für die Jugend, keine Chancen. Rentner müssen bei 100 Gramm Wurst mehrmals überlegen, ob sie sich das leisten können". Anja sitze seit vier Monaten herum, bewerbe sich, aber würde nichts finden. Diese Erläuterungen kommen ihr nicht ohne Tränen über die Lippen, und Anja, um die es sich ja in dem Gespräch eigentlich dreht, bietet ihr eine spontane Umarmung an.

"Anja und Serjoscha" ist das eindrucksvolle Porträt einer Freundschaft, das all diese Aspekte widerspiegelt. Ist diese Freundschaft vielleicht nicht nur "gegenseitige humanitärer Hilfe", sondern kann auch eine solche für das Umfeld sein?

Ab 18! Anja und Serjoscha
Dokumentarfilm von Ivette Löcker
Deutschland 2018
29 Minuten
Redaktion: Udo Bremer


Der Film ist in der 3sat Mediathek verfügbar.

Rezension von Lea Seitz