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Transnitria seen from within

(c) Mikhail Kalarashan (c) Mikhail Kalarashan

Ein tiefer grauer Nebel umschließt die gesamte Länge eines Zuges. Nur noch der letzte Wagon ist zu sehen. Alles andere verschwindet in den tristen Nebelschwaden. Auf der rechten Seite ist ein Bahnhof zu erkennen. Die Bahngleise sind menschenleer. Nur schemenhaft ist eine Gestalt zu sehen, die sich zwischen den Gleisen ihren Weg zum Zug bahnt. Auf was für eine Reise wird sich diese Bahn begeben? Diese Fotografie ist derzeit in einer Ausstellung über Transnistrien in Berlin zu sehen.

Transnistrien liegt im postsowjetischen Raum, östlich der Ukraine und westlich der Republik Moldau. Mit einer Fläche von etwa. 3.567 km² bietet es ca. 450.000 Einwohnern eine Heimat. Bereits zwischen 1990 und 1992 spaltete sich Transnistrien von der Republik Moldau ab. Seitdem wurde das Land von der internationalen Staatengemeinschaft nicht als Staat anerkannt und fungiert bis heute als ein De-facto-Staat. Dennoch gibt es eine Infrastruktur, die einem Staatswesen nahekommt. Neben einem Präsidenten und einem Parlament, verfügt Transnistrien über eine eigene Währung, ein eigenes Bildungssystem sowie ein eigenes Militär.

Die aktuell in der aff Galerie in Berlin Friedrichshain zu sehende Ausstellung "Transnistria Seen From Within" setzt sich mit dem Thema der Identitätssuche der Bürger des De-facto Staates auseinander. Vier junge Fotografen und Fotografinnen, eine Videografin sowie ein Journalist aus Transnistrien stellen im Rahmen einer Kooperation mit der aff Galerie und dem ZOIS (Zentrum für Osteuropa und internationale Studien) fotografische Werke aus, in denen sie Fragen zur Identität, der Zukunft und der Suche nach einer Perspektive für ihre Landsleute wiederzugeben. Ziel der Ausstellung ist es, die unterschiedlichen Lebenswelten der Bewohner und Bewohnerinnen Transnistriens zu zeigen. Im Vordergrund steht dabei das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Menschen. Es werden Szenen aus dem Alltag der jungen Generation, aus der LGBT-Scene sowie dem tabuisierten Thema der häuslichen Gewalt gegenüber Frauen dargestellt.
Die Ausstellung bietet den jeweiligen Fotografen und der Fotografin Raum, sich mit eindrücklichen Bildern über das Leben in Transnistrien auszudrücken. Gleichzeitig wird der Betrachter auf eine fast vergessene Welt jenseits der Moldau aufmerksam gemacht.
Ein weiterer Teil der Bilder ist in den Räumen des ZOIS (Zentrum für Osteuropa und internationale Studien) ausgestellt. Bei der Eröffnung fand im November 2018 eine Podiumsdiskussion zusammen mit den drei Künstlern sowie der Politikwissenschaftlerin Dr. Nadja Douglas, Forscherin am Institut "Zentrum für Osteuropa und internationale Studien", statt.

"Mangelnde Arbeitsplätze stellen besonders junge Menschen in Transnistrien vor eine Perspektivlosigkeit", sagt der Künstler Anton Polyakov. Die Konsequenz ist, dass viele junge Menschen nach Russland oder ins europäische Ausland abwandern.
Fotograf und Fotojournalist Ramin Mazur wurde in Transnistrien geboren. Derzeit lebt er in Kischinau, der Hauptstadt der Republik Moldau. Seine Bilder zeigen, dass die jungen Menschen schon früh damit konfrontiert werden, wo sie leben wollen um sich eine Zukunft aufzubauen. Während er seine Arbeit vorstellt, erzählt Ramin von seiner Intention und Motivation hinter seinen Arbeiten. Das Projekt des Künstlers sei stark verbunden mit seiner eigenen Kindheit. Um die Erinnerung wiederherzustellen reist er zusammen mit seiner Kamera in seine Vergangenheit. "Ich möchte die Menschen darstellen wie sie mir in Erinnerung geblieben sind", sagte er. Dafür sammelt er Porträts der Einwohner des Dorfes aus dem er kommt. "Ich möchte die Menschen verstehen lernen um besser nachvollziehen zu können warum sie sich entschlossen haben fortzugehen oder zu bleiben." Die Situation im Jahr 2014, falsche Berichterstattung, Verleumdung der Medien über die Krise zwischen der Ukraine und Russland haben ihn bewegt sich auf die Suche nach wahrer Berichterstattung zu machen. So fängt er bei sich selbst, seiner Familie und den Menschen in seiner Umgebung an. Für Ramin sind die Personen ein Teil seiner Beobachtung. Er begibt sich nicht nur auf die Suche einer Identität, sondern auch nach einem "neuen Helden". Nachdem Zerfall der Sowjetunion haben die Menschen in Transnistrien angefangen sich neu mit ihrer eigenen Geschichte zu identifizieren. Heute ist es nicht mehr der Lenin-Kopf der von jeder Wand prangt und auf jedem öffentlichen Platz einen Kult um das längst vergangene legitimiert. Gegenwärtig ist es der Kopf des Königs Ștefan cel Mare, welcher im 16. Jahrhundert einer der bedeutendsten Fürsten für die Republik Moldau gewesen ist.

Anton Polyakov ist eigentlich studierter Geograf. Mit seiner Kamera such er ebenfalls nach einer kulturellen Identität und fragt nach historischer Erinnerung. Zusammen mit dem Journalisten Maxim Polyakov und der Videografin Anya Galatonova bereist er die abgelegensten Orte dieser Region. Dort fotografiert Anton, zum Teil noch analog, während Maxim die Interviews mit den Menschen erarbeitet und und Anya die Reisen in Video-Formaten aufarbeitet. In den vier ausgestellten Projekten fängt der Fotograf die multiethnische Vielfalt des Landes hinter seiner Linse ein und spiegelt den Alltag der Menschen wieder.Dafür versucht er Stereotypen aufzubrechen und weitere Aspekte als diese in die Realität einzugliedern. Gerade in jungen Menschen findet er eine Quelle der Inspiration. Der Fotograf beobachtet einen starken Zusammenhalt, eine brüderliche Verbundenheit und das Festhalten an Traditionen. Als Beispiel nennt er das Anzünden von Autoreifen zu Ostern, um diese dann einen Berg hinunter rollen zu lassen. In seinen Bildern dokumentiert Perjakow nicht nur die militärische Erziehung der Jugendlichen, sondern ebenso ihre kulturellen Interessen. Dank des Internets sind die jungen Menschen mit der Außenwelt verbunden. Inspiriert von gleichaltrigen aus den verschiedenen Teilen der Erde, entwickeln sie eine eigene Subkultur und eine differenzierte Haltung ihrer eigenen Umgebung gegenüber.
Anton verbindet in einem weiteren Projekt das Menschsein mit der Natur. Im Fokus steht hier die Flucht vor der Gesellschaft und der Stadt. Im Wald zu sein wie man ist, ohne den staatlichen, oder gesellschaftlichen Zwang. Zudem spielt der Künstler mit den Themen mit Männlichkeit und Sexualität. Eindrücklich setzt er den Mensch als Individuum in Szene und lässt am Ende die Realität in einen metaphysischen Übergang verschwimmen. Für Anton ist die Abwanderung ein großes Problem. "Ich bin der Meinung, dass die jungen Menschen, welche sich entscheiden zu gehen, auch weitere anregen Transnistrien zu verlassen", sagt er.

Künstlerin und Fotografin Carolina Dutca zieht ihre Inspiration aus der sozialen Problematik der Gesellschaft. Für sie ist es eine schwierige Balance sich als Künstlerin mit ihren persönlichen Themen und ihrer Kunst von der Gesellschaft abzugrenzen. Ein besonderer Focus ihrer Arbeiten liegt auf der Auseinandersetzung mit der Weiblichkeit. Als junge Frau ist sie auf der Suche nach ihrer weiblichen Identität und verarbeitet dabei Fragen nach Selbstwert, Sinnlichkeit und Angst in einem ihrer Projekte. Dafür hat sie ihre Mutter fotografiert und sie mit den oben genannten Fragen konfrontiert. Das Ergebnis hat die Künstlerin zu einer Kollage im Stil eines Modemagazins zusammengestellt. Auch Carolina greift hier die Thematik der Herkunft auf und verweist auf die Einflüsse der Gesellschaft, der Mode und der Ideale.
In der Ausstellung in der aff Galerie zeigt Carolina eine Fotodokumentation, mit Texten über häusliche Gewalt an Frauen aus ihrer Heimat. Unverblümt und eindrücklich setzt die Künstlerin damit ein Zeichen mutig zu sein (Link zu den filmischen Arbeiten: https://bit.ly/2Qd6Hkr). Ungeachtet eines großen Risikos staatlicher Repressionen, setzt sich Carolina für die Rechte von Frauen und der LGBT Community ein. Kunst ist für sie nicht nur eine Form der Selbstverwirklichung, vielmehr verbindet sie ihre Arbeit mit dem Engagement, sich aktiv gegen Missstände auszudrücken und einzusetzen.
Ähnlich wie Anton Polyakov thematisiert sie in einem weiteren Projekt die Abwanderung junger Menschen. Dies greift die Künstlerin auf, indem sie Erklärungsbriefe von Frauen aus Tiraspol, Hauptstadt Transnistriens, an öffentlichen Plätzen aushängt und deren Wirkung auf die Passanten beobachtet. Dutcas Motivation in Transnistrien zu bleiben ist ihre Verbundenheit zu diesem Ort, dem sozialen Kontext und der Besonderheit dieser Region.

Die Künstler und Künstlerinnen beleuchten Themen innerhalb einer Gesellschaft, die nach einer kulturellen Identität der Vergangenheit sucht und gleichzeitig versucht ein Narrativ für die Zukunft zu formen. Wohin die Reise geht, lässt die Ausstellung offen.
Im Rahmen der Podiumsdiskussion erläuterte die Politikwissenschaftlerin Dr. Nadja Douglas, dass in den letzten 25 Jahren immer wieder politische Verhandlungen zwischen der internationalen Staatengemeinschaft und Transnistrien stattfinden. 2014 wurden die Gespräche allerdings wieder gestoppt. Trotz aller Schwierigkeiten konnten zwei von den acht vorgeschlagenen Maßnahmen der OSZE unter anderem für Transport- und Bewegungsfreiheit umgesetzt werden. Dazu gehört die Möglichkeit für die Bürger sich ein neutrales Autokennzeichen ausstellen zu lassen, um über die Landesgrenzen hinaus mit dem Auto reisen zu können. Außerdem werden Hochschulabschlüsse auch im Ausland anerkannt, um einen internationalen Studienaustausch der Studenten und Studentinnen garantieren zu können.

Der Zug Transnistriens steht derzeit sprichwörtlich im Nebel. Besucher können sich bis zum 09.12.2018 in der aff Galerie in Berlin Friedrichshain ein eigenes Bild der individuellen Entwicklung dieses Landes machen.

Von Anna Luisa Winkelmann

Lesen Sie hier das Interview mit Anna Eckold-Kuratorin der Ausstellung