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Filmreview Kaliningrader Quest

(c) Julia Alexejeva (c) Julia Alexejeva

Ein Schulhof, spielende Kinder und das Lachen zweier Mädchen. Ein Handy mit Selfie-Einstellung ist auf die Beiden gerichtet. Hinter dem Bildschirm des Handys ist ein drittes Mädchen in rotem Mantel zu sehen. Sie steht hinter dem Zaun, der sie von den zwei Schülerinnen trennt. Mit traurigem Gesicht dreht sie sich um und geht. An einer Hausecke bleibt sie stehen und verschwindet durch eine Tür in ein altes Haus. Der Raum ist gefüllt mit Büchern und Plakaten die von vergangenen Veranstaltungen zeugen. Während sie herumstöbert entdeckt sie unter den alten Papieren ein kleines Büchlein. Sie zieht es heraus und liest laut den Titel. "Immanuel Kant".

Mit dieser Szene beginnt der Film "Kaliningrader Quest". Die deutsche Regisseurin Irina Roerig hat Mitte November 2018 im Theater im Delphi in Berlin die Preview für ihren neuen Film präsentiert. Der Kaliningrader Komponist John Schigol spielte die Filmmusik live ein, während ein deutscher Schauspieler und eine Schauspielerin den Text auf Deutsch synchronisierten.
Der Film "Kaliningrader Quest" zeigt die individuelle Entwicklung Kaliningrads. Der Germanistikprofessor Wladimir Gilmanov führt den Betrachter durch die Straßen Kaliningrads und erklärt dabei Kant mit einfach gewählten Worten. Zentral dabei ist die Frage nach einem friedlichen Zusammenleben der Weltgesellschaft. Stets geht es dabei auch um die Suche nach sich selbst. Wer ist der Mensch? Was ist das Leben? Was ist die Vernunft? Diese Fragen ziehen sich als erzählerisches Stilmittel durch den Film.
Zwischen dokumentarischen Erzählungen und Spielfilm- Elementen entwickelt sich die Geschichte von dem Schauspielerpärchen Sergej und Ljuba. Wie in einem Rausch ist Sergej gefesselt von der Welt des Computerspiels. Durch eine technische Funktion ist es ihm möglich dem Spielcharakter sein persönliches Aussehen zu verpassen. In dem Sinne spielt nun er selbst den Charakter des jungen Parzivals und geht auf die mystische Suche des Heiligen Grals.

Der Architekten Arthur Sarnitz erzählt in einer nächsten Sequenz seinen Lebenstraum, bestehend darin, Teile des alten Kaliningrader Schlosses wieder aufzubauen. Dafür hat er mit einem Kollegen zusammen Pläne und Zeichnungen angefertigt, um das Projekt konkretisieren zu können. Die zwei Männer arbeiten mit den unbegrenzten Werkzeugen der Technik. Mit Hilfe architektonischer Bild- und 3D Programme designen sie den visuellen Wiederaufbau der Altstadt Kaliningrads. Hier treffen sich Gegenwart und Zukunft, Schrift und Bild, Handwerk und Technik. Verzaubert von der Idee, ein neues Werk für die Erinnerung zu schaffen.
Währenddessen führen die Wege der unterschiedlichen Protagonisten zu dem alten Kaliningrader Schloss, auf dessen Gelände seit dem Beginn sowjetischer Herrschaft der "Haus der Räte" steht. Sagen und Geschichten kreisen um dieses Gebäude. An diesem Ort scheinen die Grenzen von Vergangenheit und Gegenwart, von Realität und Mystik zu verschwimmen.
Während des Baus des "Dom Sowjetov" (Haus der Räte) hat der ehemalige Kranführer, Alexander Korbeinnikov, viel Zeit an diesem heute verlassenen und niemals fertig gebauten Gebäude verbracht. Damals, so erzählt er, hat es Hoffnung gegeben. Der Geruch von etwas Neuem lag in der Luft. Korbeinnikov wird gezeigt, wie er durch die Bauruine läuft. Die Geschichte der Sowjetunion ist eine traurige, betont er. Fortschritt und Vergänglichkeit stehen hier als entgegengesetzte Faktoren gegenüber. Das Gebäude des "Dom Sowjetov" wurde damals gebaut, um ein Musterhaus der sowjetischen Macht darzustellen. Zunächst wurden die alten Mauern des Schlosses abgerissen und päter das "Haus der Räte" an diesem Platz errichtet. Er berichtet, wie der "Dom Sowjetov" nie zu Ende gebaut wurde. Symbolisch steht es heute als Verbindung zwischen der alten Tradition und der sowjetischen Geschichte.

In einer weiteren Szene werden zwei Touristen gezeigt, von dem Schriftsteller Pupadin, durch die Stadt geführt werden. Die drei finden ihren Weg ebenso zu der alten Ruine des "Dom Sowjetov". Dabei philosophieren sie über die Auslegung Kants und seinen Gedanken zum gesellschaftlichen Zusammenleben. Im Mittelpunkt der Diskussion steht dabei der Begriff der Freiheit.
Weiter im Verlauf findet sich auch der Germanistikprofessor in der alten Ruine wieder. Bei seinem Spaziergang durch die Stadt, fragt er sich, ob es möglich ist, die vielen verschiedenen Menschen in einer gemeinsamen Welt friedlich zusammenleben zu lassen. Diese Frage hat sich schon Immanuel Kant in seinen Texten immer wieder gewidmet. Wladimir Gilmanov erklärt, dass Kant ganz maßgeblich das Denken und Handeln der Menschen verändert hat. Für Kant war die Vernunft des Einzelnen ein zentraler Ausgangspunkt seiner Philosophie. Es wird eine klare Verbindung zwischen Kant und der Stadt Kaliningrad gezeigt. Mit Hilfe einer bildhaften und lebendigen Sprache lässt der Wladimir in seinen Worten das Alte Kaliningrad wieder auferstehen und erinnert an die Wurzeln unserer Vernunft.

Zur gleichen Zeit spielt sich der junge Held Parzival virtuell in eine existentielle Krise. Er ist an seinen Aufgaben gescheitert und treibt sich selbst an, immer weiter zu kämpfen. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion sind für Sergej bereits verschwommen. Ist sein Spiel noch ein Spiel? An welchem Punkt hat er den Bezug zur Realität verloren und sich so sehr mit der Person Parzivals identifiziert. Erst als er von einem Geist, der aus dem Computerspiel entsprungen zu sein scheint und Sergej besucht, landet dieser abrupt wieder zurück in der Realität. Er rennt los. Durch die Landschaften, durch die man ihn in der vorherigen Szene noch hat kämpfen und Ritter besiegen sehen. Ist der Kampf gegen sich selbst vorbei? Und ist er jetzt frei? Verwirrt und Allein rennt er weiter. Auf einem mystischen Weg durch den Wald begegnet er an einigen Orten Fremde aus der Vergangenheit. Er selber löst sich von dem Heldentum und der Suche nach dem Heiligen Gral. Wer war noch Teil seines Lebens, bevor er sich in die fiktiven Welten des Prazivals begeben hat? Wo ist eigentlich Ljuba? Endlich findet er sie und versucht sie wieder zu gewinnen. Zwischen ihnen, die Maske der Vernunft. Ein Abbild Kants Gesicht in Gips. Lässt sich die Liebe mit der Vernunft begreifen? Abspann, der junge Parzival sucht Steine am Meer während Wladimir Gilmanov in seiner abschließenden Erzählung über die Ehrfurcht und das Bewundern der Menschen philosophiert. Es gibt immer den Himmel über uns und die Welt in uns. Die Außenwelt und die Innenwelt miteinander zu verbinden, dies ist das Plädoyer mit dem er seine Erklärung über die Philosophie Kants beendet.

Der Abend endete mit einer Diskussionsrunde zwischen Irina Roerig, Regisseurin und Gerfried Horst, Vorsitzender des Vereins Freunde Kants und Königsbergs e.V. Moderiert wurde das Gespräch von Martin Hoffmann, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen-Forums e.V. Im Gespräch erzählt Irina Roerig von ihrer Inspiration und Motivation, den Film zu drehe. "Ich wollte einen Film produzieren und dabei die verschiedensten Themen des Mensch-Seins und des gesellschaftlichen Zusammenlebens aufgreifen". Damit verweist sie auf die brisante Aktualität der Philosophie Kants. Es scheint, dass die heutigen Gesellschaften viel aus diesen Schriften lernen können. Besonders werden gegenseitiges Verständnis sowie gesellschaftliche Fragen thematisiert.
Zu Gast waren unteranderem der Hauptdarsteller des Films Sergej Borisov, sowie Filmschaffende und Filmproduzenten.

Die Künstlerin hat dieses Projekt umgesetzt, ohne über große Fördermittel zu verfügen. Um der Regisseurin bei der Unterstützung der Vollendung des Films zu helfen, verweisen wir auf die Crowdfunding Kampagne, die im Dezember startete.

Von Anna Luisa Winkelmann

Lesen Sie hier ein Interview mit der Regisseurin und Produzentin Irina Roerig.