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demoSlam in Dresden im Dezember 2018

(c) Matthias Schumann (c) Matthias Schumann

Am 10. Dezember 2018 fand der erste demoSlam Deutschlands in der «Motorenhalle» in Dresden statt. Im Rahmen des Projektes «Wertediskurs mit Russland: klären, formulieren, vermitteln», wurde das neue Dialogsformat für Verständigung über kontroverse politische Themen, von Evgeniya Sayko, promovierte Kulturwissenschaftlerin und Akteurin im deutsch-russischen Kontext, im Hertie-Innovationskolleg entwickelt.

Dr. Evgeniya Sayko, geboren 1982 in Tomsk, ist Organisatorin und Trainerin von Science Slams. Sie ist Gründungs-und Vorstandsmitglied der «Association Science Slam Russia». Außerdem hat sie 2016 in ihrer Heimatstadt Tomsk die «Schule der nicht langweiligen Vorträge» ins Leben gerufen, wo Tomsker Slammer ihr beim Science Slam gewonnenes Know-how mit Anderen teilen. Zudem ist Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums e.V.

Kulturportal Russland hat mit Frau Sayko gesprochen, um mehr über den demoSlam zu erfahren.

Frau Sayko, mit dem demoSlam haben Sie ein neues Format der interkulturellen Verständigung ins Leben gerufen. Wie genau schaut dieses Format aus?

Begriffe, die uns im alltäglichen Leben begegnen und täglich nutzen, wie Demokratie, Meinungsfreiheit, Patriotismus, sind für jeden Einzelnen von uns mit unterschiedlichen Wertevorstellungen behaftet. Um sich diesen Definitionen anzunehmen und darüber in einen Austausch zu treten, treffen sich jeweils drei Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland und Russland. Zum ersten Mal fand ein solches Treffen im vergangenen Jahr in Jekaterinburg mit der Unterstützung des Auswärtigen Amtes statt, zwei Monate später dann in Dresden. In einem dreitätigen Vorbereitungsworkshop erarbeiten die drei Teams, zusammengesetzt aus je einer Person aus Russland und Deutschland, die Kontroversen zu einem vorher ausgewählten Begriff heraus. Zum Ende des Workshops werden die Ergebnisse in Form eines zehnminütigen Präsentation einem Publikum präsentiert. Persönlichen Bezug zu den jeweiligen Definitionen treten somit in einen Dialog. Anschließend wird das Gespräch für das Publikum erweitert. Die Zuschauer bekommen die Möglichkeit, sich an der Diskussion zu beteiligen und ihre Meinung zu teilen.
Auf diese Weise entsteht ein neuer Raum für die gegenseitige Wahrnehmung. Indem persönliche Erlebnisse in die Auftritte einfließen. Bei dem Format demoSlam geht es mir darum, konstruktiv über Streitthemen im Gespräch zu bleiben und somit das Verständnis füreinander zu fördern.

Welche Rolle kann der demoSlam in den deutsch-russischen Beziehungen einnehmen?

Durch die Eskalation der letzten Jahre haben sich in deutsch-russischen Gesprächen parallele Narrative entwickelt und befestigt. Trotz vieler Dialogsplatformen herrscht gleichseitige Enttäuschung und Resignation, die beiden Seiten fühlen sich nicht gehört - von «verstanden» ist gar zu schweigen - zu sein. Genau deswegen wird es immer wieder betont: wir müssen reden. Das ist keine Frage. Die Frage ist: Wie?

Der demoSlam kann als ein Instrument dienen, auch zu konfliktgeladenen Themen in einen Dialog zu treten. Und zwar mal anderes - nicht so verbisssen ernst. Gegenseitiges Zuhören und die damit einsetzende Akzeptanz gegenüber dem Anderen eröffnet die Möglichkeit, sich kennenzulernen und den eigenen Horizont zu erweitern. Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, aber auch für uns alle Anderen ist die Verständigung ein Prozess. Besonders die Akzeptanz gegenüber der Meinung der Anderen ermöglicht ein offenes Streitgespräch in dem Themen konstruktiv diskutiert werden können. Wir dürfen uns trauen zu fragen, was genau gemeint ist. Ich glaube, dass wir so die manifestierten Unterschiede ein Stück weit dekodieren können. In diesem Moment erkennen wir, dass wir doch alle gar nicht so unterschiedlich sind, wie wir es immer meinen.

Im Dezember 2018 fand der erste demoSlam in Dresden statt. Warum Dresden?

In Dresden scheint das Bedürfnis besonders groß zu sein, konstruktiv über die Grundsätze unserer Werte, wie der Demokratie, der Meinungsfreiheit und den dort wieder auflebenden Patriotismus zu diskutieren. Dadurch ist in Dresden eine Streitkultur entstanden, von der ich sagen würde, dass diese wieder eine Grundlage für neue Diskussionen bietet. Daraufhin schien mir dieser Ort sehr geeignet. Meine Kollegin Cornelia Reichel, die Kulturmanagerin mit langjähriger Berufserfahrung in Russland wie in Deutschland, konnte das Kulturforum Dresden, «riesa efau», als Projektpartner gewinnen. Wir konnten den demoSlam in deren eigener Veranstaltungshalle «Motorenhalle» ausrichten. Dieser Ort war sehr atmosphärisch, nicht zuletzt weil derzeit dort die Ausstellung «Revolution» gezeigt wird.

Wie wurde der demoSlam von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aufgenommen?

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren zuerst sehr überrascht, wie schwierig es ist, die eigenen Gedanken zu den jeweiligen Begriffen zu formulieren. Wir sind zwar alltäglichen Leben mit den abstrakten Begriffen wie Demokratie, Toleranz, Meinungsfreiheit etc. umgeben und nutzen diese selber in unseren Argumentationen, machen uns aber in den seltensten Fällen unseren eigenen Standpunkt darüber klar. Den jungen Menschen hat es viel Spaß gemacht, sich der Herausforderung, politische Definitionen aus eigener Perspektive zu formulieren, zu stellen. Sie haben es geschafft Vorurteile ab zu bauen und trotz der Unterschiede Freundschaften entwickeln. Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist es interessant zu sehen, wie Menschen ihrer Generation aus fremden Kulturen denken und sich mit den gleichen gesellschaftlichen Themen beschäftigen.

Kann dieses Kommunikationsmedium mit ähnlichen Formaten, wie zum Beispiel dem Science Slam, verglichen werden?

Nicht direkt, weil es ein ganz anderes Feld behandelt. Dieses Format bemüht sich vielmehr um die Verständigung und das gegenseitige Verständnis bei konfliktbeladenen Themen. Es wird oft gesagt, dass man Verständnis für Russland braucht, um im Dialog zu bleiben. Aber oft stoßt man auf eigene Grenzen und sagt «ich habe kein Verständnis dafür». Und genau dort, wo das Verständnis aufhört, sollte ein langer mühsamer Weg der Verständigung beginnen.
Beim demoSlam geht es letztendlich nicht um eine Show. Daher kann man dieses Tool in unterschiedlichen Rahmen einsetzten: sowohl als 3-tägiges als auch 3-stündiges Workshop mit 4 oder 30 Teilnehmern, mit und ohne großes Publikum bei den Präsentationen. Ich würde allerdings gerne eine Ankündigung machen: Am 25. Februar werden wir zusammen mit dem Hertie-Innovationskolleg einen besonderen demoSlamin Frankfurt veranstalten. Das Programm basiert auf den besten, am kontroversesten Auftritten der Slammerinnen und -Slammer in Dresden und Jekaterinburg. Die Teilnehmer werden nicht nur ihre tollen Präsentationen wiederholen, sondern auch über ihre Erfahrungen berichten und welche Veränderungen die Teilnahme am demoSlam bei ihnen in den letzten Monaten bewirkt hat.

Was wünschen Sie sich für den demoSlam in Zukunft?

Ich wünsche mir, dass dieses Dialogformat die Menschen wieder dazu bewegt, die vorhandenen Kommunikationsweisen zu überarbeiten, um wieder eine gesunde Streitkultur etablieren können. Es ist wichtig, trotz Meinungsverschiedenheiten miteinander in einen Dialog zu treten. Ich bin überzeugt, dass dieses Format ein großes Potential hat. Austausch ist nicht nur im deutsch-russischen Diskurs oder generell im interkulturellen Kontext notwendig, sondern auch innerhalb Deutschlands. Hierzulande erleben wir derzeit eine grundsätzliche Debatte über die Werte unserer Demokratie.

Frau Sayko, herzlichen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen auf www.demoslam.org

Das Interview führte Anna Luisa Winkelmann