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Beatrice Grundheber und ihr Blog «Berlinograd»

(c) Helena Melikov (c) Helena Melikov

Beatrice Grundheber ist Gründerin des Blogs «Berlinograd». Schon früh hat sie sich für die russische Kultur, das Land und die Leute begeistert. Sie studierte Russistik und Osteuropäische Geschichte in Mainz. Vor sechs Jahren kam sie nach Berlin. Trotz der großen russischen Bevölkerungsgruppe, die hier in Berlin lebt, bekommen Außenstehende nur wenig davon mit. Vor fünf Jahren entschied die Digitale Marketerin eine Plattform zu gründen, um die russischsprachige Community in Berlin sichtbar zu machen.
Der Begriff für «Berlinograd» stand für das kreative Schaffen von Menschen aus Russland in den 20er Jahren in Berlin. Die Redakteurin wünscht sich, ein deutschlandweites Netz von kreativen russischsprachigen Menschen aufzubauen.
Mittlerweile besteht die Redaktion aus acht kreativen Frauen.
Kulturportal Russland hat sich mit Beatrice Grundheber getroffen und mehr über «Berlinograd» erfahren.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Blog über die russische Community in Berlin zu schreiben?

Ich bin vor sechs Jahren aus Mainz nach Berlin gezogen und hatte vorher in St. Petersburg und Moskau gelebt. Ich dachte, hier in Berlin lerne ich dann die ganzen russischsprachigen Kreativen kennen. Ähnlich wie die jungen Menschen, mit denen ich auch in Russland befreundet war. Ich habe viel recherchiert und gesucht. Es war gar nicht so einfach russische Kreative in Berlin zu finden. Bei der Suche habe ich dann gemerkt, dass es gar keine Plattform gibt, wo Menschen mit einem russischen Hintergrund vorgestellt werden. Es gab also kaum Anknüpfungspunkte für mich. Ich hab dann gedacht, dass ich so eine Plattform selbst in Leben rufe.
Gestartet habe ich den Blog dann im Mai vor fünf Jahren, 2014.

Wie bist du dann an das Projekt heran gegangen?

Ich hatte einen Kumpel Andre, der aus der Ukraine kam. Ich habe ihn per Zufall in Frankfurt in der U-Bahn kennengelernt, als ich ein Gedicht von Puschkin für eine Prüfung lernte und er mich darauf hin auf Russisch ansprach. Über ihn habe ich die ersten Kontakte zu seinen «coolen und kreativen» russischen Freunden in Berlin bekommen. Und so wurde Anna Deeva meine erste Protagonistin für den Blog, über die ich geschrieben habe. Anna hat mir dann ihre Freunde vorgestellt, die Freunde wiederum ihre Freunde und so ist das ganze ins Rollen gekommen. berlinograd.com/people/art-design/anna-deeva
Ich habe dann auch Menschen auf der Straße angesprochen, wenn ich gehört habe, dass sie Russisch sprechen und ich sie toll fand. Mittlerweile bekomme ich auch ganz viele Anfragen von Leuten, die Freunde oder Protagonisten empfehlen. Und so haben wir einen guten Mix aus denen, die wir toll finden und die sich bei uns bewerben. Natürlich checke ich dann auch immer, ob die passen.

Welches Ziel verfolgst du dabei?

Auf jeden Fall Stereotypen verwerfen. Und natürlich zu zeigen, wie kreativ und leidenschaftlich die russischsprachigen Berliner sind.

Was macht dir an der Arbeit besonders viel Spaß?

In Kontakt zu kommen mit so vielen spannenden Menschen. Ich habe dadurch auch schon ein paar Freundschaften schließen können. Und natürlich die Arbeit mit meinem kleinen Team. Wir sind mittlerweile acht Frauen, wir nennen uns die «Berlinogirls». Das ist sehr schön, ein Teil dieser Community zu sein. Das sind alles sehr erfolgreiche, kreative Frauen. Das macht immer Spaß mit ihnen zusammen zu arbeiten.

Was begeistert dich an Russland und der Kultur?

Die Leidenschaft der Russen, die Ehrlichkeit, das Bodenständige, das Herzliche und die Gastfreundschaft. Ich würde sagen, die Russen haben einfach viel mehr Leidenschaft als wir hier in Deutschland. Daher kommt auch das Logo von «Berlinograd». Der Bär vom Berliner Wappen, der leidenschaftlich brüllt.

Wie bist du mit Russland und der russischen Sprache in Berührung gekommen?

Während meines Abiturs hatte ich überwiegend russische Freunde. Und habe mich schon dort zu dem Multi-Kulti hingezogen gefühlt. Russen und Araber fand ich damals sehr spannend. Und hab mich dann entschieden Russisch zu studieren. Seitdem ist meine Begeisterung für Russland, die Sprache und Leute weiter gewachsen.
Meine Eltern wollten lieber, dass ich Schauspielerin werde. Nachdem sie mir dann aber doch eine Reise für sechs Tage nach Moskau und St. Petersburg schenkten, war ich verliebter denn je.
Damals herrschte in Moskau eine richtige Aufbruchsstimmung. Die jungen Leute waren so motiviert, hatten so viel Lust auf die Kultur aus dem Westen. Die haben dann aber ihr eigenes Ding draus gemacht. Ihre Kreativität dabei hat mich sehr fasziniert. Da hat sich dann diese Subkultur entwickelt und da wollte ich unbedingt teilhaben.

Wie definierst du das Wort Kreativer? Wodurch unterscheidet sich der russische von dem westlichen Kreativen?

Damals schon in Russland war alles was aus der kreativen Ecke kam, die Magazine, die Musik sehr viel leidenschaftlicher und auch cooler als bei uns.
Dadurch dass es in Russland nicht so viel Materielles gab, ist viel mehr Kreativität entstanden. Meine russischen Freunde haben auch ihre Freizeit viel schöner gestaltet als das, was ich so aus Deutschland kannte. Zum Beispiel sind wir zu den weißen Nächten einfach spazieren gegangen. Wir mussten nicht immer in Restaurants Essen gehen und abends in Bars Tanzen gehen, um Spaß zu haben. Es war alles viel bunter und kreativer.

Wie gestaltest du den Blog?

Wir haben den Blog wie einen russischen Reiseführer für Berlin aufgebaut. Unterteilt in Musik, Restaurants und Bars. Unsere Leserinnen und Leser haben die Möglichkeit, im russischen Berlin Urlaub zu machen. Sie lernen dadurch die Orte kennen, die wir vorstellen und gleichzeitig auch immer den Menschen, der hinter dem Ort oder der Idee steht.
Bis Anfang des Jahres haben wir auch immer noch Veranstaltungen gepostet. Aber das machen wir jetzt nicht mehr. Dafür haben wir die Plattform «Berlinograd Community» gegründet, auf der dann zeitgemäße Veranstaltungen gepostet werden können.

Wie ist die Reaktion der deutschen Leser auf «Berlinograd»?

Berlinograd wird super aufgenommen. Der Blog hat viele Abonnenten, die auch nicht nur Russland-Interessiert sind, sondern den Blog lesen, weil sie es auch spannend finden. Ich habe auch schon Rückmeldungen bekommen, wie viele tolle Russen es in Berlin ja gäbe. Und dass es nicht politisch ist, mögen auch sehr viele. Besonders, dass es ein unabhängiges Medium ist, welches nicht von deutscher und auch nicht von russischer Regierungsseite beeinflusst und das ganze Russland-Thema nicht politisiert wird.

Wollen die Menschen, die du porträtierst, bewusst russisch sein?

Ganz und gar nicht. Die haben natürlich alle ihr russisches Leben in Deutschland, aber sind schon eher alle Expats. Ich wurde mal in einem Interview gefragt, welcher von meinen Protagonisten mich am meisten beeindruckte. Das kann ich gar nicht so genau sagen. Aber mir ist dabei aufgefallen, dass wir ganz viele tolle Frauen porträtieren. Das sind alles sehr starke Frauen, die sich hier in Berlin selbst verwirklichen. Sie gehen ihren Weg, wie sie ihn auch in Moskau, St. Petersburg oder Kasan gehen würden. Das finde ich sehr beeindruckend.
Natürlich gibt es auch super viele tolle russischsprachige Männer, die wir interviewen. Alle von ihnen machen Berlin ein bisschen schöner.

Was wünschst du dir für die Zukunft von «Berlinograd»?

Ich würde tatsächlich gerne etwas starten wie Crowdfunding oder eine Spendenaktion. Derzeit machen die Mitarbeiterinnen und ich die Arbeit ehrenamtlich und es wäre schön, auch eine finanzielle Wertschätzung für unsere Zeit und unseren Aufwand zurück zu bekommen. Derzeit haben wir super Sponsoren, mit denen wir sehr gut arbeiten können. Wir wollen aber bewusste keine Förderung von offizieller russischer oder deutscher Seite, damit der Blog nicht politisiert wird. Das ist uns ganz wichtig.
Ich würde mich auch freuen, wenn wir noch neue Teammitglieder finden würden. Wir sind da wirklich für alles offen. Russisches Leben in Deutschland, oder deutsches Leben in Russland. Wichtig ist natürlich, dass die Redakteure eben auch gerne an dieser Thematik arbeiten.

Was leistet der Blog deiner Meinung nach für die deutsch-russischen Beziehungen?

Ich finde, wir leisten einen großen Beitrag für die deutsch-russische Verständigung. Da wir auch Events organisieren, bekommen unsere deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger auch die Möglichkeit, in Kontakt mit der russischen Community zu kommen, die Kultur kennen zu lernen und sich zu vernetzen. Kommunikation sehe ich als großen Teil zur Brücke. Wichtig ist uns vor allem mit Stereotypen aufzuräumen.

Hättet ihr Interesse «Berlinograd» deutschlandweit auszuweiten?

Das ist auf jeden Fall unser Ziel. Dafür suchen wir Redakteure und Interessenten aus anderen deutschen Städten, die Lust haben zu fotografieren.

Lest hier mehr zum Blog: berlinograd.com

Vielen lieben Dank für das Interview und deine Zeit!

Das Interview führte Anna Luisa Winkelmann