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Frank Gaudlitz. RUSSIAN TIMES 1988-2018

(c) Frank Gaudlitz (c) Frank Gaudlitz

Im Brandenburgischen Landesmuseum für Moderne Kunst in Cottbus lässt sich derzeit die Fotoausstellung «Frank Gaudlitz. RUSSIAN TIMES 1988-2018» besuchen. Das fotografische Langzeitprojekt zeigt in drei Etappen die Transformation der russischen Zivilgesellschaft der letzten dreißig Jahre und insbesondere die Verlierer dieser gesellschaftlichen Umbrüche. Das Kulturportal Russland hatte bereits im Frühjahr 2018 die Gelegenheit, mit Gaudlitz über seine Fotografien und Beweggründe zu sprechen.

Frank Gaudlitz` Aufnahmen bei frühen Besuchen verschiedener Orte in der Sowjetunion spiegeln die Stimmung während der Zeit der Glasnost (russ. Transparenz) und Perestroika (russ. Umgestaltung) wider, die den Grundstein für den Zerfall der Sowjetunion legte. Auf die Frage nach seinem Anreiz zu diesen Reisen antwortet der Fotograf, dass ihn die Weite der russischen Natur zutiefst beeindruckt habe. «Das schlägt sich auch in der Kultur und der Stimmung der Menschen nieder», welche er in seinen Bildern einzufangen versuchte, so Gaudlitz.

Spätere Aufnahmen entstanden im Chaos der sogenannten Wilden Neunziger, den Zeiten des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs im ganzen Land. Gaudlitz kehrte mit den aus Ostdeutschland abziehenden Soldaten zurück nach Russland, um ebendiesen Militärabzug fotografisch festzuhalten. Die Auswirkungen der politischen Veränderungen, die vielen Menschen ihre Existenzgrundlage entriss, schockierten ihn. Er sagt, habe sofort gemerkt, dass dies ein wichtiger geschichtlicher Wendepunkt sei, an dem er dran bleiben wollte.

Über all diese Jahre reiste der gebürtige Spreewälder in verschiedene russische Regionen und Provinzen. Neben Moskau und dem goldenen Ring (Suzdal, Iwanowo, Wladimir und Jaroslawl) oder europäischen Städten wie Nischni Nowgorod, Kasan, Samara und Kaliningrad, hielt er sich auch im asiatischen Teil des Landes auf. Hier suchte er die Gulags und Nickelbergwerke auf der Halbinsel Taimyr, die zentralasiatischen Regionen um den Baikalsee, Norilsk im kalten Norden, das Altaigebirge in Sibirien und die Steinkohlereviere Kemerovos auf.

Nach dieser Zeit, in der Gaudlitz sich intensiv mit der russischen Gesellschaft und den Menschen auseinandergesetzt und in gewissem Maße identifiziert hat, legte er ab 2001 eine Pause ein. Er habe, so sagt er selbst, Abstand gebraucht von der Schwere der Existenz der Menschen und der solidarischen Nähe, die er zu ihnen verspürte.

Für die jüngsten Aufnahmen reiste der Künstler schließlich in den letzten zwei Jahren in die Metropolen Moskau und Sankt Petersburg, um das dortige moderne Leben festzuhalten. Er besuchte hierzu politische Veranstaltungen, Museen, Modeschauen, diverse Clubs, Sauna- und Fitnessstudios, Ballettschulen oder Shoppingcenter und bewegte sich ganz bewusst in den Klischees der russischen Kultur. Dort erwartete ihn eine stark veränderte Gesellschaft, die laut Gaudlitz «weltoffener und selbstbewusster geworden ist [und] die Schwere der 90er Jahre abgelegt [hat]». Diese Neugestaltung der Gegenwart schreibt er dem Generationenwechsel zu, der in seinen Augen maßgeblich half, das geschichtliche Trauma zu verarbeiten.

Der inhaltliche Schwerpunkt dieses fotografischen Langzeitprojektes liegt im Spannungsfeld von Inszenierung und Realität, mit dem Gaudlitz sich auf die Tatsache bezieht, dass in Russland sowohl im politischen, als auch im privaten Leben sehr viel inszeniert wird. Auf persönlicher Ebene werde Selbstinszenierung besonders groß geschrieben, denn vor allem russische Frauen legten großen Wert auf ihr Äußeres und ihr Erscheinungsbild, so der Fotograf. Außerdem fänden sich überall im öffentlichen Raum patriotische Symbole und Inhalte, die den Sieg über Hitlerdeutschland heroisierten, Russland als Sieger- und Großmacht darstellten und ein Mittel politischer Inszenierung seien:«An den Metrozügen beispielsweise sind Bilder von russischen Nationalhelden wie Juri Gagarin abgebildet oder die Helden aus Kriegsfilmen», sagt Gaudlitz im Interview. Dieser und anderer typisch russischer Klischees bedient der heutige Potsdamer sich auch in seinen Aufnahmen - nicht jedoch inhaltlich, sondern vielmehr kritisch: Er sagt selbst, er wolle sie hinterfragen und der Realität gegenüberstellen. Bei diesem Realitätsabgleich stelle er fest, dass das Leben in Russland viel differenzierter ist als das im Westen vorherrschende klischeebehaftete Russlandbild von Wodka, Banja oder Eisangeln.

Die in Cottbus ausgestellten Fotografien zeigen die Eigenheiten des russischen Volkes und die soziale, gesellschaftliche sowie politische Diskrepanz, die sich durch die Geschichte des Landes zieht und die bis heute nicht begraben zu sein scheint. Der Künstler selbst sagt, man könne den Menschen den Gesellschaftszustand am Gesicht ablesen: «Haben die Menschen Ende der 80er Jahre noch gelächelt, so verschwand das Lächeln in den 90er Jahren komplett aus den Gesichtern.»
Doch nicht nur die Gesellschaftswandlung lässt sich sehen, auch die künstlerische Entwicklung des Fotografen selbst kann der Beobachter den Werken entnehmen. Arbeitsweise, Bildsprache und Themenschwerpunkte wandeln sich im Laufe dieses fotografischen Langzeitprojektes, entstanden doch die ersten Aufnahmen noch während Gaudlitz` Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Arno Fischer in Leipzig. Und dennoch bleibt deutlich, dass sich seine Empathie und Nähe zu den Menschen als roter Faden durch alle Werke zieht und so einen tiefen Einblick in die russische Wirklichkeit gibt.

Die Ausstellung «Frank Gaudlitz. RUSSIAN TIMES 1988-2018» ist noch bis zum 31. März 2019 im Brandenburgischen Landesmuseum für Moderne Kunst im Dieselkraftwerk Cottbus zu sehen.


Von Greta Zeuner

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