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Deutsch-Russischer Schüleraustausch mit Auszeichnung

Etwas übermüdet, aber in freudiger Erwartung machen sich früh morgens am Sonntag, den 17. Februar 2019, sieben Mädchen und vier Jungen von der 47. Schule Lipetsk in Russland gemeinsam mit ihrem Deutschlehrer Igor Katasonow auf den Weg nach Moskau, um von dort nach Berlin zu fliegen. Lipetsk liegt 375 km südöstlich von Moskau und hat ca. eine halbe Millionen Einwohner. Für die meisten der Jugendlichen ist es die erste Reise ins Ausland. Ihr Ziel ist die thüringische Kleinstadt Schleusingen mit knapp 6.000 Einwohnern. Genauer gesagt geht es für die elf Schülerinnen und Schüler zum Hennebergischen Gymnasium Schleusingen, mit dem die 47. Schule Lipetsk eine ganz besondere Schulpartnerschaft pflegt.

An der Passkontrolle am Moskauer Flughafen Sheremetyevo der Schock: Eines der Mädchen wird nicht durchgelassen, da die Einverständniserklärung ihrer Eltern mit der Ausreiseerlaubnis auf das falsche Jahr datiert und somit ungültig ist. Zwar darf sie nach einer aufreibenden Diskussion mit den Moskauer Zollbeamten schließlich doch durch die Kontrolle, doch das Flugzeug ist bereits ohne die Lipetsker Austauschschüler in Richtung Berlin gestartet.

«Die Schüler waren tief enttäuscht», erzählt Igor Katasonow später. Schließlich sollte es der erste Besuch der russischen Klasse bei ihrer deutschen Partnerschule sein. Der Austausch zwischen dem Hennebergischen Gymnasium Schleusingen und der 47. Schule Lipetsk fand im März 2018 zum ersten Mal statt. Damals hatten die deutschen Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihrer Russischlehrerin Anja Büttner die Partnerschule in Lipetsk besucht. Nicht nur zwischen den Lernenden, sondern auch zwischen den Lehrkräften entstanden dabei tiefe Freundschaften.

Zustande kam der Schüleraustausch über den Sprachenwettbewerb Bundescup «Spielend Russisch lernen», den das Deutsch Russische Forum e.V. seit über zehn Jahren an Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchführt. Ziel des Sprachwettbewerbs ist es, spielerisch mehr Schülerinnen und Schüler für das Erlernen der russischen Sprache zu interessieren. Höhepunkt des Wettbewerbs ist dabei das Finale im Europa-Park in Rust bei Freiburg. Anja Büttner schaffte mit ihren Schülern bereits dreimal den Einzug ins Finale, so auch 2014. Zu dieser Zeit war sie auf der Suche nach einer russischen Partnerschule, denn «es gehört einfach dazu, dass Schüler, die eine Fremdsprache lernen, auch die Möglichkeit haben, diese in der Praxis anzuwenden», erklärt sie.

Igor Katasonow wiederum nahm 2014 mit seiner Deutschklasse am Wettbewerb «Spielend Deutsch lernen» teil, den das Goethe-Institut, inspiriert vom Bundescup «Spielend Russisch lernen», an russischen Schulen durchführt. Igor Katasonows Schüler belegten russlandweit den zweiten Platz und gewannen so eine Reise mit ihrem Lehrer zum Finale des Bundescups «Spielend Russisch lernen» in den Europa-Park Rust. Dort trafen sie auf Anja Büttner und schnell war die Idee einer Schulpartnerschaft geboren.

«Nachdem sie den Flieger verpasst hatten, war nicht klar, ob sie überhaupt noch kommen würden», erzählt Anja Büttner. Doch rasch hatten die Lipetsker ihre Eltern am Telefon überzeugt, neue Tickets zu kaufen und mit etwas Glück sitzt die Gruppe bereits drei Stunden später im nächsten Flieger nach Berlin, wo sie die Schleusinger bereits erwarten. Die Wiedersehensfreude knapp ein Jahr nach dem ersten Besuch in Lipetsk ist groß.

Mit dem Zug geht es weiter nach Schleusingen, wo die Lipetsker in den Familien ihrer deutschen Austauschschüler unterkommen. Dann startet für die Austauschschülerinnen und -schüler am Montag eine ereignisreiche Woche in Schleusingen: Unterrichtsbesuche auf Deutsch, Projektarbeiten mit den deutschen Austauschschülern und Museumsbesuche stehen auf dem Programm.

Ein besonderer Höhepunkt ist eine eintägige Exkursion nach Erfurt. Zwischen Deutschen und Russen herrscht eine offene und freundschaftliche Dynamik: 22 Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren, die miteinander spaßen, sich gegenseitig aufziehen und lachen. Die Kommunikation erfolgt dabei fast ausschließlich auf Deutsch. Da die Sprachausbildung an russischen Schulen früher beginnt, sind die russischen Schülerinnen und Schüler sicherer im Deutschen als ihre deutschen Freunde im Russischen. Kommuniziert wird zur Not auch mit Hand und Fuß, «denn das versteht schließlich jeder», so die Russisch-Lernenden vom Hennebergischen Gymnasium Schleusingen.

Manche haben sich aus Interesse für die für viele eher exotische Fremdsprache Russisch entschieden, andere wiederum aus pragmatischen Gründen. So auch der 15-jährige Robin - bei der russischen Stadtführung durch Erfurt erklärt er: «Im Französischen finde ich die Aussprache zu schwierig, also entschied ich mich für Russisch.» Mit seiner Austauschpartnerin Sonja gewann er den deutsch-russischen Sprachwettbewerb, den Igor Katassonow während der Besuchswoche 2018 in Lipetsk organisiert hatte.

Beim Spaziergang über die Krämerbrücke in Erfurt schildert der 16-jährige Mark, warum er Deutsch als Fremdsprache gewählt hat: «Meine Eltern sprechen auch Deutsch, daher lerne ich die Sprache. Und im Deutschen spricht man alles so aus, wie man es schreibt, das macht es für mich leicht.» Besonders gefallen haben ihm bei seinem ersten Deutschlandbesuch die «netten Menschen». Das bestätigt auch die 17-jährige Alina: «Die Deutschen sind sehr tolerant und auch lustig - sie lachen die ganze Zeit und machen Witze, das gefällt mir. Es ist sehr spannend, eine andere Kultur direkt vor Ort kennenzulernen.»

Kulturbegegnungen und Sprachaustausch - das wollen Anja Büttner und Igor Katasonow ihren Schülerinnen und Schülern näher bringen. «So werden Vorurteile abgebaut und Freundschaften geschlossen», sagen beide. Und das wird auch von ganz oben wertgeschätzt: Im September 2018 zeichneten der deutsche und der russische Außenminister die Schulpartnerschaft im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Deutsch-Russischen Jahres der kommunalen und regionalen Partnerschaften 2017/2018 zusammen mit weiteren herausragenden Projekten deutsch-russischer kommunaler Zusammenarbeit aus.

Es war Igor Katasonows Idee, die Schulpartnerschaft für die Auszeichnung zu bewerben. «Anfangs dachten wir beide, dass wir die Auszeichnung sowieso nie bekommen würden», lacht Frau Büttner kopfschüttelnd. Umso größer war die Freude, als der Bürgermeister von Lipetsk zusammen mit dem Beauftragten der Stadt Schleusingen einige Monate später die Auszeichnung von Heiko Maas und Sergej Lawrow im Auswärtigen Amt entgegennahmen.

Mit ihrem persönlichen Einsatz für die Schulpartnerschaft haben die beiden Lehrer auch die Lokalpolitik angeregt: «Die Stadt Lipetsk hat kürzlich eine Städtepartnerschaft vorgeschlagen, und die Stadt Schleusingen war begeistert», erzählt Anja Büttner stolz. Nun warten sie diesbezüglich auf die Entscheidung des Stadtrates. Die aktuellen politischen Spannungen zwischen beiden Ländern spüren sie dabei nicht, sagt sie. «Wir knüpfen weiter persönliche Kontakte, während die Politik oben von uns abgesondert ihre Wellen schlägt.»

Nach einer ereignisreichen Woche in Deutschland geht es für die Lipetsker zurück in die Heimat. Diesmal läuft alles glatt und die Gruppe kommt pünktlich in Lipetsk an. Die Besuchswoche hat erfolgreich den Weg für einen regelmäßigen Schüleraustausch zwischen den beiden Schulen geebnet, schlussfolgert Anja Büttner.


Von Greta Zeuner