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Punk Rock aus Berlin über Archangelsk und Tscherepowez

(c) »The Hans« (c) »The Hans«

2016 reiste der Berliner Künstler »The Hans« mit dem Zug durch Russland und spielte Live-Konzerte in Clubs, auch jenseits der großen Metropolen Moskau und Sankt Petersburg. Auf seiner Reise entdeckte der Musiker, der mit bürgerlichem Namen Hans Martin Koch heißt, seine Faszination für die Rauheit der russischen Städte und lies diese in seine Songs einfließen. So widmete er einen seiner Songs der Industriestadt »Tscherepowez« und einen weiteren der Hafenstadt Archangelsk im Norden Russlands. Kulturportal Russland hat mit ihm über seine Hommage an die russischen Städte gesprochen.


»The Hans« erzähl unseren Lesern kurz etwas über dich und deine Musik.

Für mich ist Punk und Rock'n'Roll in erster Linie ein Bauchgefühl. Widersprüchlich, frustriert, euphorisch, subjektiv - ein Ventil für meine Gefühle. Und im besten Fall auch für die Gefühle meiner Zuhörer. Deswegen spiele ich so gerne live, weil ich diese primitive und gleichzeitig subtile Interaktion mit dem Publikum brauche. In den letzten Jahren habe ich viele schöne Konzerte in Berliner Bars und Clubs gespielt, zuletzt in der Kantine der BLO Ateliers, auf dem Panke Parcours Festival und im BiNuu als Support-Act für die spanische Band Hinds.

Warum gerade Punkrock in Russland?

2016 organisierte ich spontan mit einem deutschen Freund, der Russisch spricht und zu dieser Zeit in Archangelsk lebte, eine »Platzkart-Tournee« (Anmerkung der Redaktion: Platzkart ist ein Ticket im Großraumschlafabteil in russischen Zügen) in Russland.
Ich muss gestehen, dass ich zu dieser Zeit fast kein Russisch konnte und sehr wenig über das Land wusste. Bevor wir durch Russland reisten waren wir auch in Litauen unterwegs. Mein Freund/"Manager" übersetzte und ich spielte an unterschiedlichen Orten. Vom Punk-Squat im Keller eines alten Theaters in Vilnius, zu einem Konzertcafé im Zentrum von Moskau, über einen Motorradclub in Jaroslawl, einem Pub in Wologda, einem Club im Industriegebiet von Tscherepowez, dem Rockclub Koleso in Archangelsk, bis hin zum Szene-Club Griboedov in Sankt Petersburg.


Deine Faszination für Russland scheint geblieben zu sein. Wie ging es dann weiter?

Als Musiker war ich besonders fasziniert von russischem Rock und Punk der 80er Jahre. Ich habe mit Hilfe von Google Translate und russisch sprechenden Freunden versucht die Texte von Viktor Zoi, Alexander Bashlachev und Yanka Dyagileva zu verstehen. Dann habe ich meine Erfahrungen in eigene Lieder gepackt. Am meisten beeindruckt war ich bei meiner Russland-Reise von der düsteren Industriestadt Tscherepowez und von der charmanten, rauen nördlichen Metropole Archangelsk.


Wie war die Reaktion in den russischen Städten auf deine Musik?

In Archangelsk wurde »The Hans« auf dem Plakat mit schwarz-rot-goldenen Buchstaben und Deutschlandfahne angekündigt. Das war für mich seltsam, aber es kamen dann über 100 Leute und es war ein großer Erfolg.

Auf die Veröffentlichung beider Videos gab es ein großes Feedback auf dem russischen sozialen Netzwerk VKontakte. Tscherepowez erreichte innerhalb der ersten drei Tage 10.000 Views und das ganz ohne professionelle Promotion. Durch die Untertitelung mit russischer Übersetzung nehmen die Leute den Text sehr genau.

Das beste Kompliment habe ich in der Diskussion um das Video »Tscherepowez« von jemand bekommen, der tatsächlich glaubte, dass das Video ein Fake sei. Im Song sei zu viel ungeschminkte Wahrheit auf den Punkt gebracht. Einfach zu viel russische Mentalität, das könne kein Deutscher gewesen sein, meinte er. Das hat mich sehr gefreut.

Gab es auch negative oder seltsame Reaktion auf deine Musik?

Der erste Song »Tscherepowez« hat in jedem Fall für viel Diskussionsstoff gesorgt. Im Text habe ich ganz bewusst die düsteren Klischees aneinandergereiht, die es in Russland über diese Industriestadt gibt - die übrigens auch meinem Eindruck entsprachen. Sobald aber ein Ausländer kommt und dies in eine mehrdeutige, satirische »Punk-Form« bringt, ist Provokation, Missverständnis und auch Unverständnis vorprogrammiert. Das ist durchaus gewollt.

Der Song »Arkhangelsk« ist dagegen viel positiver und kommt als Lobeshymne auf die Stadt mit zusammen über 25.000 Klicks in der ersten Woche viel besser an. Die Menschen freuen sich über das Kompliment und schätzen es, dass ich einige Details und Kuriositäten, die ich über Archangelsk weiß, in den Song gepackt habe.

Das russische Newsportal 29.RU hat das Video in einer zensierten Version hochgeladen. Grund für die Zensur ist der vermeintliche Konsum von Alkohol im Video. Aber was ich tatsächlich im Video trinke, müsst ihr selbst herausfinden.

Beide Songs kann man trotz des mitunter schwierigen Inhalts als Hommage verstehen. Sie sind Ausdruck meines persönlichen Interesses an Russland, meiner Begeisterung für beide Städte und der Versuch eines kleinen Ost-West-Experiments mit offenem Ausgang.


Was gefällt dir an der russischen Mentalität?

Das ist eine schwierige Frage - sobald man von der russischen und der deutschen Mentalität an sich spricht, verstrickt man sich. Das soll nicht heißen, dass es keine Unterschiede gibt. Darüber hinaus werden Vorurteile und Mythen von den Bewohnern beider Länder immer neu geschaffen. Gerade in Russland habe ich in der kurzen Zeit auch ein paar solchen Mythen über Russland gehört, die mich mitunter skeptisch gestimmt haben. Zum Beispiel: »Russland ist so widersprüchlich, dass nur die Russen es verstehen können - du als Ausländer wirst uns sowieso nie verstehen.« (im Song Arkhangelsk: »there is so much contradiction, that's what all the people say - and if you don't accept it, tourist - it's best: you stay away!«) Ich habe mir aber dennoch sehr Mühe gegeben, in Russland vorurteilsfrei und offen zu sein.
Dann gab es auch ganz praktische und einfache Dinge, die mir in Russland positiv aufgefallen sind. Die Leute waren sehr gastfreundlich und spontan bereit sich darauf einzulassen mit mir, einem völlig unbekannten Musiker, kurzfristig ein Konzert zu veranstalten. Und ich habe auf meiner Tour sowie zur Veröffentlichung meiner beiden Musikvideos von Russinnen und Russen oft eine direkte und ehrliche Meinung gehört - so etwas gefällt mir ganz besonders.


Was kann die russische Mentalität von der Deutschen lernen und umgekehrt?

Ich habe absolut keinen pädagogischen oder kulturerzieherischen Anspruch, daher tue ich mir schwer, das zu beurteilen. Aber ich wundere mich manchmal, dass in Deutschland so wenig Interesse gezeigt wird, Russland und die Menschen die dort leben, wirklich kennen zu lernen. Ich finde, dass diese Art von Ignoranz wirklich gefährlich ist. Man zeigt mit dem Finger auf etwas, was man im Grunde nicht kennt und bitteschön auch nicht kennen lernen will. Diese Haltung ist in Deutschland wie auch in Russland verbreitet.
Dem Dialog oder dem Versuch des Kennenlernens stehen dann jeweils die eigenen vermeintlich besseren »Werte« im Weg. Allerdings haben in Russland viele Menschen gar nicht die Mittel und Möglichkeit uns im »Westen« zu besuchen und Vorurteile abzubauen.


Was sind deine Pläne für die musikalische Zukunft?

Die Städteidee ist nun für mich ausgereizt, auch wenn ich noch weitere Songs über russische Städte in der Schublade habe. Stattdessen werde ich als nächstes einen Song veröffentlichen, in dem ich auf Russisch singe. Dieser ist bereits geschrieben und in Vorbereitung. Nächstes Jahr möchte ich so viel wie möglich live spielen und wieder in Russland auf Tour gehen, dieses Mal zusammen mit einer richtigen Band.


Sprichst du inzwischen Russisch?

Mein Russisch ist immer noch schlecht, aber schon besser geworden, denn ich habe letztes und vorletztes Jahr auch in der Ukraine und in Georgien Konzerte gespielt und dort immer wieder ein bisschen russisch gesprochen.

Mehr zu »The Hans« erfahrt ihr hier :

»The Hans - Arkhangelsk«

»The Hans - Cherepovets«

»The Hans auf VKontakte«

»The Hans auf Facebook«

»The Hans«


Das Interview führte Linda Matzdorf