Home | Kontakt | Login | Impressum

Mediathek

Interview mit Wilfried Matanovic zur Ausstellung »Das Russische Kulturleben im Berlin der 1920er Jahre«

Anfang des 20. Jahrhunderts, als in Russland revolutionäre Zeiten herrschten, wanderten über vierhunderttausend Russen nach Berlin aus - unter ihnen zahlreiche Künstler und Kulturschaffende, die das Berliner Kulturleben nachhaltig prägten. Dieser »russischen Periode« Berlins wird derzeit in der Botschaft der Russischen Föderation in Berlin eine Ausstellung gewidmet, welche anhand von Bildmaterial das Leben und Schaffen der Berliner Russen der 20er Jahre schildert. Dem Initiator der Ausstellung, Wilfried Matanovic, dessen private Postkartensammlung gleichzeitig die Grundlage dafür bildet, haben wir zu vier Berliner Orten befragt, die für die Exilrussen der damaligen Zeit eine besondere Rolle spielten: dem Berliner Zoo und dem Lunapark am Halensee sowie dem Domizil des Theaters »Der Blaue Vogel« in der Goltzstraße Nr. 9 und dem Apollo-Theater in der Friedrichstraße.

Kulturportal Russland: Herr Matanovic, der Berliner Zoo scheint ja immer wieder in den Werken russischer Schriftsteller von damals auf - welche Rolle spielte der Zoo für diese Schriftsteller und für die Berliner Russen der 20er Jahre im Allgemeinen?

Wilfried Matanovic: Der Berliner Zoo war für die russischen Schriftsteller - deshalb haben wir darüber auch so viele Aufzeichnungen von ihnen - nicht nur eine Form von Freizeitgestaltung, sondern auch ein Ort der Ruhe und der Muse. Und da diese Schriftsteller in der Regel sehr realistisch und realitätsbezogen geschrieben haben, haben sie auch den Zoo sehr detailliert und deutlich dargestellt (im Gegensatz teilweise zu der damaligen deutschen Literatur, die sich sehr stark im Expressionismus und Surrealismus bewegte). Außerdem hatte der Zoo - das wird bei einigen Schriftstellern deutlich - auch eine symbolische Bedeutung. Wiktor Schklowski, zum Beispiel, hat einen Roman über den Zoo geschrieben (»Zoo oder nicht über die Liebe«, Anm. d. Red.), wobei er sich da nicht nur auf den Tiergarten, sondern auch auf »die Kolonie der russischen Emigranten« bezieht. Obgleich er das nicht so deutlich artikuliert hat, ist das doch indirekt erkennbar. Auch Wladimir Nabokow und Marina Zwetaewa schrieben darüber, wie gerne sie als Freizeitvergnügen in den Zoo gegangen sind.

Erwähnenswert ist hierbei auch eine russische Fotokarte mit dem Bild einer Giraffe im Moskauer Zoo, die zu der Zeit in Berlin herausgebracht wurde (im Ausstellungskatalog Abb. 557, Anm. d. Red.). Und jetzt kann man da eine Brücke schlagen und sagen: Sicherlich tauchte das nicht von ungefähr auf, sondern möglicherweise war das Zooleben auch in Moskau oder St. Petersburg - wie auch bei uns - mit einer gewissen Tradition verbunden, die man gerne genossen hat und die man in Berlin fortgesetzt hat. Das zeigt, dass der Zoo im russischen Leben eine besondere Bedeutung hatte, nicht nur für die Kinder, die in den Zoo mitgenommen wurden, sondern auch für Schriftsteller, Maler, Theaterleute, die gerne in den Zoo gingen, um dort ihrem Innenleben nachzugehen.

KR: In den Vorgesprächen, die wir im Hinblick auf dieses Interview geführt haben, erwähnten Sie in Zusammenhang mit den Berliner Exilrussen mehrmals den Lunapark am Halensee. Hatte der Vergnügungspark für die Russen eine andere Bedeutung als für die Deutschen?

WM: Der Lunapark am Halensee wurde 1904 als die so genannten Terrassen am Halensee gegründet, 1909 Lunapark benannt und bestand bis 1933. Dies war der beliebte Berliner Vergnügungspark und zu der Zeit der größte in Europa.

Ich muss sagen, ich habe schon viel über Berlin gelesen, aber so kurze, prägnante Beschreibungen über die Vergnügen im Park, wie es sie beispielsweise von Sergej Essenin, Wladimir Nabokow oder Marina Zwetaeva gibt, konnte ich von deutscher Seite nirgendwo finden. Da wird von diesen russischen Schriftstellern in gekonnten, anschaulichen Formulierungen geschildert, wie man die großen Bahnen runterrast oder wie Marina Zwetaewa mit ihrer kleinen Tochter erlebt, wie diese sich dort plump und ungeschickt verhält...sodass man also eine richtige Vorstellung bekommt, wie es in dem Park für Leute, die da ihre Vergnügen gesucht haben - ob jetzt von deutscher oder russischer Seite - zugegangen ist. Ich habe da in der Bedeutung des Parks bisher keinen Unterschied zwischen Deutschen und Russen feststellen können, was vielleicht auch daran liegt, dass ich so anschauliche Schilderungen von deutscher Seite auch gar nicht gefunden habe.

KR: Ein weiterer wichtiger Ort für die kulturaffinen Russen in Berlin war das Haus in der Goltzstraße Nummer 9, nicht zuletzt deshalb, weil das Theater »Der Blaue Vogel« dort von 1921 bis 1927 sein Domizil hatte...

WM: Theater- und Musikaufführungen von russischer Seite hat es überall in Berlin gegeben. Das Besondere ist der Blaue Vogel deshalb, weil er hier eine große Theaterentwicklung geprägt hat. Es war ein ständiges, festes Theater, das sich in Berlin etablierte und dort eine völlig neue Theaterwelt in der Goltzstraße 9 aufbaute.

Das Haus in der Goltzstraße war nicht der große Treffpunkt schlechthin für alle Künstler - da gab es andere Orte, Cafés,... - sondern es war eine der großen Kultstätten, wo sich die russische Theaterwelt mit der deutschen traf. Da gingen Künstler wie Tucholsky oder Else Lasker-Schüler ein und aus. Das zeigt, welche künstlerisch engagierten Szenen, welche Avantgarde auch von deutscher Seite hier an diesen Theaterveranstaltungen beteiligt war.

Außerdem war das Haus für Künstler aller Art von Bedeutung. Denn hier arbeiteten nicht nur gute Schauspieler (die alle mehr oder weniger aus den russischen Schulen aus St. Petersburg oder Moskau kamen), auch Bühnenbildner, Regisseure, Musiker waren hier zu Hause. Insofern war das auch ein multikünstlerisches Veranstaltungskonzept, wo sich alle Künstler beteiligten und einbrachten. Hier kam das alles zusammen und das sprach die Berliner Kunst- und Kulturszene genauso an wie die russische.

KR: Neben dem Haus in der Goltzstraße Nr. 9 fanden auch im Apollo-Theater russische Theateraufführungen statt. Was machte dieses Theater so besonders?

WM: Das Apollo-Theater ist 1874 in Kreuzberg in der Friedrichstraße 218 entstanden. Es war ein beliebtes Berliner Operettentheater, wo viele Berliner engagiert hingingen. Ab 1913 hat es aber auch mit dem Kinobetrieb angefangen - Stummfilm natürlich, wobei hier die Russen in Berlin auch stark mitwirkten.

Das Apollo-Theater halte ich deshalb für bemerkens- und erwähnenswert, weil es einerseits aufgrund seiner herkömmlichen, ganz traditionellen Kulisse hier eine Plattform hatte. Andererseits hat es zwei sehr wichtige russische Kulturereignisse beherbergt: Das war einmal der Versuch, ein russisches romantisches Theater in Berlin zu gründen, wo mit einem ständigen Theater Ballett, Musik und Oper aufgeführt wurde. Das hat sich aber im Gegensatz zum Blauen Vogel auf Dauer leider nicht behaupten können. Es waren hier aber sehr berühmte Schauspieler und dann vor allen Dingen auch Tänzer und Regisseure tätig. Die berühmteste Tänzerin, die das auch mitgegründet hat, ist Elsa Krüger. Dieses Theater hat mehr als 100 Mitglieder gehabt, in der Zeit in der es bestanden hat. Insofern ist das schon bemerkenswert, auch wenn das Theater sich dann leider nicht länger gehalten hat. Aber das war sozusagen der Versuch, in Berlin ein eigenständiges, permanentes russisches Haus zu gründen und zu erhalten, das Oper, Theater und Ballett hat. Es ist bemerkenswert, was versucht wurde, in der Zeit aufzubauen.

Das zweite markante Ereignis im Apollo-Theater war, dass es dann ja auch für Filmvorführungen geöffnet wurde und dort 1926 die deutsche Erstaufführung des »Panzerkreuzer Potemkin« stattgefunden hat. Das war eine Sensation und für damalige Verhältnisse auch eine große Provokation. Das hat dann dazu geführt, dass man versuchte, diese Aufführung zu verbieten, was sich aber schon in kürzester Zeit ins Gegenteil verkehrte. Es gab daraufhin nämlich innerhalb kürzester Zeit 15 weitere Filmtheater in Berlin, die diesen weltberühmten Film dann auch gezeigt haben.

KR: Herr Matanovic, vielen Dank für dieses Gespräch.

Fotogalerie:

Für eine vergrößerte Darstellung bitte auf die Bilder klicken.